Ruhe in Frieden, Fadumo Hirsi - FALTER.maily #621

Nina Horaczek
Versendet am 17.09.2021

im letzten Sommer ihres Lebens hatte Fadumo Hirsi, von ihren Freundinnen und Freunden "Fatma" genannt, all das, was sie immer erreichen wollte: Sie hatte einen fixen Job als Dolmetscherin bei der Caritas und ihre eigene kleine Wohnung. Sie war ökonomisch unabhängig und führte ein selbstbestimmtes Leben. Am Ende dieses Sommers war sie tot. Ermordet vom Ex-Mann ihrer Freundin Shugri Ahmed, die vergangenen Montag ebenfalls ihr Leben verlor.

Vor 13 Jahren war Fadumo Hirsi mit 22 Jahren nach Österreich geflüchtet. "In Somalia gab es damals Krieg und viele Vergewaltigungen. Aus Angst um Fatmas Leben organisierte ihre Mutter die Flucht", erinnern sich Wegbegleiterinnen von ihr, die sich mit dem Falter trafen, um über Fadumo Hirsis Leben zu erzählen.

In Österreich erhielt Hirsi subsidiären Schutz und engagierte sich politisch, etwa gegen FGM, die brutale Beschneidung von Mädchen. In ihrem Heimatland sind immer noch bis zu 98 Prozent der 15- bis 49-jährigen Frauen von dieser Genitalverstümmelung betroffen. Fatma hielt Reden vor dem Parlament und Vorträge für Frauen in der afrikanischen Community, leistete dort Überzeugungsarbeit, damit deren Töchter keine Opfer von Genitalverstümmelung werden.

Besonders stolz war sie darauf, dass sie ihre zehn Jahre jüngere Schwester in Somalia vor FGM beschützen konnte. In vielen Telefonaten überzeugte sie ihre Mutter davon, die kleine Schwester nicht beschneiden zu lassen.

In Wien dolmetschte sie ehrenamtlich in der Frauenberatung der Diakonie und sie unterstützte afrikanische Frauen, die unter sexueller und physischer Gewalt litten. Sie begleitete sie zu Einvernahmen bei der Polizei und zu Gerichtsverhandlungen. So wie ihre Freundin Shugri. Ihre Freundinnen und Freunde haben nun eine Spendenkampagne für die Begräbniskosten gestartet.

Auch für Fadumo Hirsi war der Weg in ein selbstbestimmtes Leben nicht leicht. Wegen ihres Kopftuchs hatte sie es lange schwer, einen guten Job zu finden. Auch Probleme mit den Behörden, etwa in ihrem Asylverfahren, waren ihr nicht fremd. "Aber sie konnte aus der Frustration stets neue Kraft schöpfen, sie gab nie auf", sagt ihre Freundin Suad. "Sie blieb trotz aller Widerstände eine fröhliche, humorvolle Person mit viel Neugier auf die Welt", meint Freundin Hamdi.

In Österreich lernte Hirsi schwimmen, ging regelmäßig ins Schwimmbad und ins Fitnesscenter und ermutigte Frauen aus ihrer Community, das Haus zu verlassen. "Seit sie in Österreich lebte, war sie auf fast jeder Demo, die sie inhaltlich vertreten konnte", erzählt ihre Freundin Mara. Zuletzt habe sie dafür demonstriert, dass Österreich Menschen aufnimmt, die vor den Taliban fliehen. Und sie war im Team des Frauenzentrums (FZ).

Für ihr Leben hatte sie viele Pläne. Sie sparte auf den Führerschein, um noch unabhängiger zu sein und träumte davon, eines Tages ihre Mutter in Somalia besuchen zu können. Fadumo Hirsis Leben endete in den Nachmittagsstunden des 13. Septembers. Sie wurde 35 Jahre alt.

Nina Horaczek

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