Österreichisches Paradox - FALTER.maily #622

Armin Thurnher
Versendet am 19.09.2021

wir haben eine Regierung, die stolz ist auf ihre kommunikativen Fähigkeiten. Zu Recht, denn eine Truppe von Laien derart an der Macht einzuzementieren und alternativlos erscheinen zu lassen, stellt tatsächlich eine Leistung dar. Abgesehen davon, dass sie mit unseren Steuergeldern erbracht wird, und dass sie nebenbei die Boulevardisierung der Medien fördert, ist an ihr wenig auszusetzen.

Ich bin bekannt als Bewunderer und Freund der Türkisen, muss aber jetzt doch einmal ein leises Wort der Kritik wagen. Ist es nicht erstaunlich, dass diese Regierung ihre kommunikativen Fähigkeiten nur für einen einzigen Zweck nutzt, nämlich für die Werbung für sich? Sie ist, was man im Zirkus Filzmaier früher ein One-Trick-Pony nannte, ein Pferd, das nur ein Kunststück kann.

Leider befinden wir uns seit einiger Zeit nicht im Zirkus, sondern in einer Pandemie, und dieses Virus erweist sich als resistent gegen die abgefeimtesten kommunikativen Künste der Türkisen. Was immer sie versuchten, autoritäres Benehmen, Zweckoptimismus, zu frühe Liberalisierung, zu späte Verschärfung, Schuldabwälzung auf den Koalitionspartner, die EU, die Medien (nein, die nicht!), das ganze Register halt – es verfing nicht. Das Virus ging nicht weg.

Hier komme ich ins Spiel und möchte zart und vorsichtig daran erinnern, dass die Regierung ihre phänomenalen kommunikativen Fähigkeiten anders hätte einsetzen können. Sie ist ja nicht die einzige, die pandemische Probleme hat. Die österreichische Impfrate ist allerdings vergleichsweise beschämend, sogar die ebenfalls miese Schweiz wird uns demnächst überholen. Ich halte von derlei Länderkonkurrenzen zwar gar nichts, aber wer hat damit angefangen? Und ein Land, das die Eigenpropaganda-WM locker gewinnt, müsste doch auch dieses Virus kommunikativ wegschnupfen. Sollte man denken.

Die Regierung hätte ihre ganze kommunikative Kunst darauf verwenden müssen, die Leute zum Impfen zu bringen. Viele kennen Gefahr nicht, andere nehmen sie zu leicht, wieder andere sind desinformiert und wissen nicht genug Bescheid über die Gefährlichkeit des Virus im Vergleich zur völligen Ungefährlichkeit der Impfung.

Warum die Regierung hier nicht oder viel zu schwach handelte, bleibt ein Rätsel. Dass Menschen in Regierungsverantwortung es unterlassen, um das Leben von Menschen zu kämpfen, weil sie meinen, das würde sie bei einer kommenden Landtagswahl Stimmen kosten, mag ich nicht glauben. Das wäre eine ganz neue, frivole Art der Fahrlässigkeit. Oder?

Ich fahre jetzt zum Philosophicum nach Lech, wo ich nächste Woche mit sehr klugen Menschen diskutiere, die viel über die Pandemie wissen, vielleicht sogar eine Philosophie der Pandemie entwickeln. Sie helfen mir gewiss weiter, das paradoxe Rätsel der österreichischen Regierung zu lösen. Hoffentlich bin ich Ihnen nicht zu dumm. Vielleicht werde ich an anderer Stelle davon berichten.

Ihr Armin Thurnher

Woher weiß ich, dass die Impfrate in der Schweiz nicht besser ist als die in Österreich, aber bald besser sein wird? Weil ich die Beiträge des Epidemiologen Robert Zangerle lese, die nur in der Seuchenkolumne erscheinen. Einmal die Woche, manchmal öfter. Zwischendurch gibt’s Literatur, Politik und Polemik. Morgen zum Beispiel ein Gedicht. Abo = kostenlos.

Harry Bergmann ist einer der bekanntesten Werber Österreichs. Er ist auch, wie sich gezeigt hat, ein witziger Autor. In seiner Kolumne „Loge 17“ greift er ebenfalls das Thema auf und fragt sich, warum die Regierung nicht einfach ordentlich fürs Impfen wirbt. Abo = kostenlos.

Die Schriftstellerin Nava Ebrahimi liest dem Sommer, der Politik in Österreich und sich selbst die Leviten. Kabul und Moria, unser zerstörtes Überlegenheitsgefühl und das Schreiben als Migrantin für eine Institution, in der weiße Männer regierten. Sie hielt diese Rede zur Neueröffnung des Burgtheaters am 5.9.2021. Einleitung und Verabschiedung von Raimund Löw.

Einen Überblick zu Schlagworten wie False Balance und Fake News liefert Barbara Tóth hier. Was machen Medien bei der Corona-Information falsch, wie könnten Sie es richtig machen? Diese Fragen sind angestoßen, aber nicht beantwortet, weil vielleicht unter den herrschenden Medienumständen nicht beantwortbar. Anstöße, um mit- und weiterzudenken, liefert Tóths Artikel in reichem Maß.

Ein Engel in der Hölle von Auschwitz. Wie ist dieser Widerspruch möglich? Der ehemalige grüne Nationalratsabgeordnete Harald Walser zeichnet in seiner Biografie der Krankenschwester Maria Stromberger ein vielschichtiges Porträt dieser mutigen Frau und ein ebenso vielschichtiges Bild der Zeitläufte. Zahlreiche Bildern und Dokumente machen das Buch anschaulich und spannend zugleich. Am Donnerstag darf ich es mit dem Autor in Bregenz präsentieren.


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