Hallo Impfskeptiker:innen, ich will Euch verstehen - FALTER.maily #625

Barbara Tóth
Versendet am 22.09.2021

ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich verliere langsam die Geduld mit Menschen in meinem Freundeskreis, die immer noch nicht geimpft sind. Ich ärgere mich über sie - und über mich. Weil eigentlich gehören Geduld und Empathie zu den Eigenschaften, die ich mir gerne zuschreiben würde. Außerdem spüre ich die größere gesellschaftliche Gefahr, die von meinem Unverständnis, meine Ungeduld, meiner Intoleranz ausgeht.

Ich versuche deshalb gerade besser zu verstehen, was mein Gegenüber bewegt. Eine große Hilfe dabei war mir das Gespräch mit dem deutschen Soziologen Oliver Nachtwey, das ich für den aktuellen Falter geführt habe. Er hat die Motive der "Querdenker" erforscht. Es zeigt sich, dass viele von ihnen - zumindest anfangs - ganz einfach gegen das, was die Politik mit uns allen aufführte, protestieren wollten. Aus einem Widerstandsreflex heraus, weil sie grundsätzlich kritisch gegenüber den Mächtigen sind, weil sie sich die ganzen "Maßnahmen" (was für ein beschönigendes Wort) nicht einfach so gefallen lassen wollten.

"Ich würde mir eine Linke wünschen, die wieder die Herrschaftskritik betreibt, damit die Menschen sich in der unübersichtlichen Gegenwart nicht so atomisiert fühlen und dann plötzlich an Verschwörungstheorien glauben", sagt Nachtwey dazu. Ich habe mich auch gewundert, warum die SPÖ den Protestierenden gegen die Corona-Maßnahmen kein Angebot gemacht hat. Viele hatten Angst um ihren Job oder sorgten sich, dass ihre Kinder den Anschluss in den Schulen verlieren, wenn es keinen ordentlichen Unterricht gibt. Jetzt haben sich die FPÖ und die Impfgegnerpartei "MFG" ihrer angenommen. Wie erfolgreich, werden wir nach den Wahlen in Oberösterreich diesen Sonntag sehen.

Ich habe im Falter die Corona-Maßnahmen immer wieder hinterfragt und die Regierung für das miese Management kritisiert. Trotzdem habe ich mich so schnell wie möglich impfen lassen. Aus reinem Pragmatismus heraus. Und weil ich überzeugt bin, dass eine Impfung andere und mich am besten schützt. Außerdem kann man ja geimpft sein UND die Regierung und ihr Handeln kritisch sehen. Der FPÖ und anderen Demagogen ist es leider gelungen, das Ungeimpft-Sein zum Symbol des politischen Widerstands hochzustilisieren. Daher mein Vorschlag an Maßnahmengegner:innen: Lasst Euch impfen und geht trotzdem auf die Straße!

Ihre Barbara Tóth

Vergangenen Freitag bekam eine Kurier-Redakteurin einen eingeschrieben Brief vom Landesgericht für Strafsachen. Sie soll als Zeugin in einem höchst brisanten Strafprozess aussagen, angeklagt ist niemand geringerer als Sektionschef Christian Pilnacek, der einst mächtigste Mann im Justizministerium. Der Öffentlichkeit blieb dies bis heute verborgen, der Kurier machte die Sache am frühen Abend öffentlich, hier lesen Sie die brandaktuelle Geschichte von Florian Klenk dazu.

Nächsten Dienstag, den 28.09., sprechen Oliver Nachtwey und ich im Rahmen der Wiener Stadtgespräche über die verkannten Leistungsträger:innen unserer Gesellschaft: Pflegerinnen, Bauarbeiter, Supermarkt-Kassiererinnen. Und wie sich in der Coronakrise ein kritisches Bewusstsein unter ihnen entwickelt hat. Sie können persönlich vorbei kommen (hier gehts zur Anmeldung) oder sich via Livestream einklinken. Wir freuen uns in beiden Fällen, wenn Sie mit dabei sind!

In Graz wird am Sonntag gewählt. Die höchsten Beliebtheitswerte genießt Elke Kahr, ihres Zeichens Parteichefin der KPÖ und bekennende Marxistin. Die 59-jährige hält regelmäßig Sprechstunden für BürgerInnen ab und überweist auch schon mal privat Geld an in Not Geratene für eine kaputte Waschmaschine, Miete oder Lebensmittel. Ist es dieser "hands-on approach" der die Grazerinnen und Grazer überzeugt? Gerlinde Pölsler hat im aktuellen FALTER ein Porträt über die Politikerin verfasst.

Ebenfalls gewählt wird in Oberösterreich. Der Gewinner steht jetzt schon fest. Die große offene Frage ist aber: Für wen stimmen die Gegner:innen der Corona-Maßnahmen? Hier finden Sie Antworten von Josef Redl.

Das Team Stronach ist zurück, haben Sie es auch gehört? Vergangene Woche machte diese Neuigkeit in der Medienbubble die Runde. Eine Einladung zu einer Pressekonferenz des Team Stronach war der Anstoß, weniger später war das vermeintliche Comeback in den Schlagzeilen. Die Einladung war echt, nur der Absender war ein anderer, nämlich das Team um Fritz Jergitsch von der Satirezeitung "Die Tagespresse". Dass es eine Fake-Meldung wie diese innerhalb von zwei Stunden in die Schlagzeilen schafft, ist ein Problem, kritisiert Jergitsch in seinem Gastbeitrag im aktuellen FALTER.

Wissenschaftliche Information zum Thema Klimawandel ist das eine, Schmähführen das andere. Möchte man zumindest meinen. Die Science Busters packen problemlos beides unter einen Hut. Passend zum globalen Klimastreik am Freitag treten sie dieser Tage mit ihrem aktuellen Programm "Global Warming Party" auf; ein ausführliches Interview von Benedikt Narodoslawsky ziert das Cover unserer Programm- und Kulturbeilage. David Auer gibt einen Ausblick auf das blutrünstige Slash Filmfestival, Nicole Scheyerer nimmt ihre beliebte Serie "Atelierbesuch" wieder auf, der Grafiker Tom Koch und der Fotograf Stephan Doleschal stellen ihr Projekt "Mid-Century Vienna" vor – und dann wären da noch tausende Veranstaltungstermine, hunderte zweckdienliche Hinweise dazu sowie dutzende liebevoll gestaltete Tipps und Kritiken. Viel Spaß damit!


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