Fabrikschlot und Lockenkopf - FALTER.maily #632

Eva Konzett
Versendet am 07.12.2021

er trägt das Haar in dicken Locken vor der Stirn und am hinteren Haupte blank. Und wer ihn nicht rechtzeitig am Schopf packt, dessen Gelegenheit zieht vorbei. Der griechische Gott Kairos steht für den richtigen Moment. Für die Entscheidungsfreiheit zur rechten Zeit zu handeln.

Diesen Zeitpunkt hat die globale Gemeinschaft beim Klimawandel natürlich längst verpasst und doch drängen sich bei Klimaschutzfragen gerade einige nach vorne, von denen man eher vermutet hätte, sie zögen sich auf die hinterste Bank zurück. Und dann den Vorhang noch zu. 

Die Industrie, also die mit den Fabriksschloten, mit den ratternden Maschinen, mit dem öligen Geruch, findet, dass der Klimaschutz nicht weit genug reicht. Sie verlangt von der Politik mehr Bekenntnis zu weniger Erderwärmung. In Österreich fordert der Verein CEOs FOR FUTURE einen CO₂-Preis von 60 Euro pro Tonne Ausstoß oder doppelt so viel, wie sich die Regierung, zumal der mächtige türkise Teil, vorstellen kann. "Wenn man es intelligent angeht, ist der CO₂-Preis ein Motor für die Wirtschaft”, sagt Vereinspräsident Wolfgang Anzengruber. Der Mann war immerhin CEO des größten Energiekonzerns Österreichs "Verbund". Sonst noch bei der Initiative dabei (nicht vollständig): die ÖBB, der Zementhersteller Lafarge, die Asfinag.

Und etwas ungläubig schaut man nach Deutschland, wo sich 17 der größten Industriekonzerne zusammengetan haben und zwar ausgerechnet mit einer Umweltschutzorganisation, gerade so, als würde Achilles jetzt mit den Trojanern kämpfen, anstatt gegen sie. 

Der Chemiekonzern BASF, der allein in seinem Werk im deutschen Ludwigshafen jährlich rund sieben Millionen Tonnen CO₂ ausstößt, Bayer, die Stahlerzeuger Salzgitter und Thyssen-Krupp und der Baustoffkonzern HeidelbergCement und haben also gemeinsam mit den Beratern von Agora einen Report mit dem Titel "Klimaneutralität 2050: Was die Industrie jetzt von der Politik braucht" herausgebracht. Kernsatz: "Fehlende Klimapolitik schadet dem deutschen Wirtschaftsstandort".

Und in Österreich sicherte sich der Stahlkonzern Voestalpine ein Patent, wie es die Hochöfen künftig klimaneutral bespielen kann. 30 Prozent der Emissionen will der Konzern bis 2030 kürzen.

Die Industrie hat den Kairos erkannt, das Zeitfenster, das sich nur einmal auftut. Sie argumentiert gar nicht so sehr mit dem Klimaschutz denn mit dem Wettbewerb. Sie weiß: Wenn nicht findige deutsche oder österreichische Erfinderinnen und Ingenieure die Dekarbonisierungskonzepte austüfteln, die bald weltweit gefragt sind, werden es andere tun. Sie weiß, dass es sie langfristig teurer kommt, die Industrieanlagen nicht umzurüsten. Dann, wenn Strafzölle winken. Dann, wenn der CO₂-Preis irgendwo bei der Kostenwahrheit ankommt.

Was sagt die Politik zu alledem? Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck wünschte sich am Dienstag anlässlich eines Ministertreffens in Brüssel, bis 2030 gratis CO₂-Zertifikate an Industriekolosse verteilen zu dürfen.

Sie hat Kairos auf den kahlen Hinterkopf gegriffen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!

Ihre Eva Konzett

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