Der letzte Sieg des Pheidippides - FALTER.maily #643

Eva Maria Konzett
Versendet am 13.10.2021

Der arme Eilbote Pheidippides bezahlte seine Kunst noch mit dem Leben. Er übermittelte 490 vor Christus die Nachricht des Sieges der Athener über die Perser und brach mit Sicht auf die Akropolis nach 42,195 Kilometern tot nieder: Ein Marathon für eine Information.

Längst hat die Technik diesen Gewaltakt übernommen. Ein iPhone hat einen Speicherplatz von 128 Gigabyte in der Normalstufe, 1969 flog der erste Mensch noch mit 74 Kilobyte auf den Mond. Wer das Netz nützt, hinterlässt ständig seine Spuren, wie die Brotkrumen, die Hänsel und Gretel einst ausstreuten.

In Österreich läuft gerade ein Rennen darob, ob diese Krumen die Ermittler zuerst finden oder die der Straftaten Verdächtigen diese doch noch aus dem Weg schaffen können. Offenbar hat Sabine Beinschab etwa, bei der die Ermittler am vergangenen Mittwoch bei der Razzia in der Inseratenaffäre auch klingelten, vor diesem Besuch versucht, noch Festplatten zu löschen.

Sie wurde vorgestern deshalb festgenommen: Verdunkelungsgefahr.

Festplatten löschen, mit dem Hammer zerstören oder schreddern, Mobilgeräte auf Werkseinstellung zurücksetzen, das ist das eine. Der unsichere Faktor bleibt die Wolke: Welchen Daten sind in der Cloud gelandet? Auf wie viel haben Ermittler noch Zugriff?

Datenforensiker raten Gruppen mit hohem Berufsrisiko – da finden sich Drogendealer, Politiker und Journalisten unter einem Dach – dazu, überhaupt keine Smartphones zu benutzen. Wer sich zumindest schützen möchte, weicht von den herkömmlichen Messenger-Diensten auf den Kanal Signal aus. Der aufmerksame Beobachter konnte schon im März einen Exodus zu diesem Anbieter vor allem unter den üblichen Proponenten der Wiener Polit-Blase verfolgen. Just kurz nachdem die erste Ladung an Chats von Thomas Schmid an Finanzminister Gernot Blümel und andere öffentlich geworden war. Jene mit den Kuss-Emojis und ostentativen Treueschwüren für Kanzler und Finanzminister, Sie wissen schon.

Darüber hinaus aber ist den Techkonzernen ihre Cloud eine feste Burg. Schwierig sei es auch für Ermittler, an Daten heranzukommen, sagt etwa Nikolaus Forgó, Professor für Technologie- und Immaterialgüterrecht am Juridicum in Wien. "Da ruft niemand Hurra!". Um Daten aus der Wolke zu schütteln, bräuchte es ein wechselseitiges Rechtshilfeabkommen zwischen Österreich und jenem Staat, in dem die Daten gespeichert sind. Nicht einmal in der EU seien die Schutzstandards angeglichen, sagt Forgó. Was das bedeutet: Physische Beweismittel gelangen in der Regel problemlos über die Grenze, Daten aber können ohne langwierige rechtliche Prozeduren stecken bleiben.

Ein letzter, unerwarteter Sieg des Pheidippides. 

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!

Ihre Eva Maria Konzett

Die gestern verhaftete Sabine Beinschab ist das schwächste Glied in der Inseraten-Affäre – und könnte sich einigermaßen aus derselben ziehen, wenn sie mit der Staatsanwaltschaft kooperiert. Warum die Meinungsforscherin Sebastian Kurz und den Seinigen jetzt gefährlich werden könnte, lesen Sie hier.

Als Sebastian Kurz vergangenen Donnerstag in die Hofburg zum Bundespräsidenten eilte, war er nicht alleine. Dicht an seiner Seite: Bernhard Bonelli, der Kabinettschef des Kanzlers und einer seiner engsten Vertrauten. Im Gegensatz zu Kurz' Gefolgsleuten Frischmann, Fleischmann und Steiner musste Bonelli allerdings noch keinen Zwangsurlaub antreten. Warum, lesen Sie hier!

FALTER-Herausgeber Armin Thurnher erzählt in der aktuellen Seuchenkolumne die gestrige Sitzung im Nationalrat in Operettenform nach. Und für Harry Bergmann war der Aktenwurf von Neo-Kanzler Alexander Schallenberg im Parlament der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat: Er wünscht sich jetzt endgültig Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein zurück.

Auch wenn es sich derzeit anders darstellt: Es gibt noch Leben abseits der Regierungskrise! So gingen etwa am Dienstag in Wien die Elementarpädagoginnen der privaten Kindergartenträger auf die Straße. Zu wenig Personal, Gefahr im Verzug: Die Pädagoginnen warnen seit Jahren vor unzumutbaren Zuständen – für Personal und Kinder. Wir haben uns den vernachlässigten Bildungssektor genauer angesehen.

Falls Sie noch nicht dazu gekommen sind: Im FALTER-Radio stapeln sich die spannenden Episoden gerade nur so! Hier sprechen Barbara Tóth und Joseph Redl mit Ex-Bundeskanzler Christian Kern über seine Regierungszeit mit dem damaligen Außenminister Sebastian Kurz. Hier interviewt der Satiriker Florian Scheuba die beiden Ibiza-Aufdecker Bastian Obermayer und Frederik Obermaier von der Süddeutschen Zeitung.

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