Was bringt der Bücherherbst? - FALTER.maily #647

Klaus Nüchtern
Versendet am 18.10.2021

Oktober ist für Menschen aus dem Literaturbetrieb eine spannende Zeit. Herbstprogramme, Buchmessen und Preisvergaben stehen an. Und Jahr für Jahr bin ich aufs Neue überrascht davon, dass jetzt schon wieder ein Nobelpreis vergeben wird. Freundlicherweise immerhin am Donnerstag zu Mittag; was einem als Literaturkritiker einer am Mittwoch erscheinenden Wochenzeitung immerhin ein bisschen Spielraum gibt, um sich schlau zu machen oder jemanden zu finden, der den Namen des oder der Neuen nicht bloß schon einmal gehört, sondern eines seiner/ihrer Werke gelesen – oder, wie im aktuellen Falle – sogar übersetzt hat. Helmut A. Niederle hatte es ja immer schon gewusst, dass Abdulrazak Gurnah ein "Weltautor" ist, die Welt hat sich bloß das eine oder andere Jahrzehnt Zeit gelassen, es zu bestätigen. Niederles Würdigung Gurnahs aus dem aktuellen FALTER können Sie hier nachlesen.

Tatsächlich beginnt der Bücherherbst ja bereits tief im Sommer, denn da erscheinen die Vorschauen der Verlage und bereits die ersten Titel. Und auch FALTER-Sachbuchredakteurin Kirstin Breitenfellner und ich sind dann bereits damit befasst, die Buchbeilage, die am kommenden Mittwoch erscheint, auf den Weg zu bringen. Die Rezensenten und Rezensentinnen wollen mit Arbeitsaufträgen und Rezensionsexemplaren versorgt werden, und das ist immer ein bisschen ein Vabanquespiel, weil wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, wie viel Platz überhaupt zur Verfügung stehen wird. Denn erst im Laufe des Septembers erhalten wir einen provisorischen Seitenspiegel von der Anzeigenabteilung und können abschätzen, wie viel wir überhaupt unterbringen und ob wir zu viel oder gar zu wenig Besprechungen vergeben haben. Es geht sich dann am Ende aber immer irgendwie aus.

Die Buchbeilagenproduktion hat übrigens ein interessantes meteorologisches Begleitphänomen, nämlich das "Blaha’sche Gastgartengesetz". Dieses geht auf Barbara "Baronesse" Blaha zurück, die seit vielen, vielen Jahren gemeinsam mit Reini Hackl für das Artwork der Buchbeilage verantwortlich zeichnet und beobachtet hat, dass der erste und der letzte Tag im Jahr, an dem man im heizpilzlosen Gastgarten sitzen kann, just in die Zeit fällt, in der die Frühjahrs- respektive die Herbstbuchbeilage produziert werden. "Interessant, du, faktisch" würde mein Freund Edek sagen.

Nachdem die Beilage unter Dach und Fach ist, bin ich immer so erschöpft, dass ich einen guten Grund habe, nicht nach Frankfurt zu fahren. Andere sehen das etwas anders. "Wir freuen uns riesig auf die Buchmesse", verrät Benedikt Föger im Hintergrundgespräch für dieses FALTER.maily. Föger ist geschäftsführender Gesellschafter des Czernin Verlags und Präsident des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels. Seine Freude ist verständlich, denn pandemiebedingt ist die Frankfurter Buchmesse und die Buchwoche Wien zuletzt einmal, die Leipziger Buchmesse gar zweimal ausgefallen. Nun findet die Buchmesse in Frankfurt mit einer Besucherbeschränkung von 25.000 Menschen pro Tag (zuletzt waren an fünf Tagen insgesamt 350. bis 400.000 Besucher und Besucherinnen gekommen) nach zwei Jahren zum ersten Mal wieder statt.

Insgesamt haben der Buchhandel und die Verlage die Zeit der Lockdowns aber sehr gut überstanden, wie Föger versichert. Die Einbrüche im stationären Handel konnten online nicht ganz, aber doch einigermaßen wettgemacht werden, vor allem aber brachte die pandemiebedingte Senkung der Mehrwertsteuer von zehn auf fünf Prozent für den Handel einen zusätzlichen Gewinn, da sie nicht an die Käufer weitergegeben wurde. Allerdings läuft die vom Finanzministerium verfügte Corona-Regelung mit Jahresbeginn 2022 aller Voraussicht nach aus. Das würde bedeuten, dass die Buchhändler und -händlerinnen um diesen Vorteil umfallen, wenn sie die 2021 bestellten Bücher im Jahr darauf an die Verlage remittieren, weswegen wiederum diese befürchten, dass der Handel vor dem heurigen Weihnachtsgeschäft vorsichtiger bestellen. Föger hofft deshalb, dass die Mehrwertsteuersenkung auf Bücher noch um ein halbes Jahr prolongiert wird.

Insgesamt aber blickt er sehr zuversichtlich in die Zukunft. Zwar sind die Papierpreise während der Pandemie stark gestiegen – offenbar deswegen, weil viele Hersteller von Drucksorten auf Kartonagen umgerüstet haben –, aber der Handel hat sich doch als sehr stabil erwiesen. Wenn die Theater, Kinos, Konzertsäle und Sportstätten geschlossen bleiben, haben die Menschen wieder mehr Zeit zum Lesen. Und die Medien, zeigt sich Föger begeistert, haben – aus den nämlichen Gründen – "wahnsinnig viel über Literatur berichtet". Gern geschehen.

Ihr Klaus Nüchtern

Natürlich hat es immer etwas Zufälliges, was genau man aus der Masse der Neuerscheinungen auswählt. In Hinblick auf die neue Buchbeilage kann ich allerdings sagen, dass die Feelgood-Romane eher dünn gesät sein dürften. In meiner eigenen Rezension habe ich das Wort "Trauma" dann gestrichen, weil es in gefühlt jeder zweiten Besprechung vorkam. "Das Wort Trauma haben wir nicht gekannt" ist auch das Interview übertitelt, das Matthias Dusini mit dem israelischen Soziologen Natan Sznaider geführt hat. Es geht darin um den sogenannten "Zweiten Historikerstreik", also die Frage, ob und inwiefern sich Antisemitismus und die Shoah mit anderen Rassismen beziehungsweise den Verbrechen des Kolonialismus vergleichen lassen.

Ein Lügner, der nicht die Macht hat, seine Fälschung öffentlich als Wahrheit zu etablieren, erklärt stattdessen, "die sei eben seine Ansicht von der Sache, für die er dann das Recht der Meinungsfreiheit in Anspruch nimmt". In einer "politisch ungeschulten Öffentlichkeit", so schreibt Hannah Arendt weiter, könne die entstehende Verwirrung "beträchtlich" sein: "Die Trennungslinie zwischen Tatsachen und Meinungen zu verwischen, ist eine der Formen der Lüge, die wiederum insgesamt zu den Modi des Handelns gehört." Das Zitat stammt aus einem Essay, der 1967 unter dem Titel "Truth and Politics" erstmals veröffentlicht wurde. Gemeinsam mit dem von 1971 ("Lying in Politics") ist er in dem Band "Wahrheit und Lüge in der Politik" abgedruckt. Dass und warum es eine brandaktuelle Lektüre ist, braucht wohl nicht eigens erklärt zu werden.

"Aufzeichnungen aus der Unterwelt" ist ein zugleich unspektakulärer und aufregender Film. Viel mehr als sprechende Köpfe von einem halben Dutzend Menschen gibt es in der Doku von Tizza Covi und Rainer Frimmel nicht zu sehen. Und doch legen die Lebensgeschichten der zu Wort kommenden "Unterweltler" ein beredtes Zeugnis ab: von einer Zeit, in der Wien tatsächlich ein ziemlich gefährliches Pflaster war und Raufhanseln und Stoßspieler als Großgangster behandelt und mystifiziert wurden.

Dieser Tage erscheint "Wanting Machine", das neue Album des Gitarristen Peter Rom. Unter den Aufnahmen in verschiedenen Besetzungen findet sich auch eine mit dem Vokalisten Andreas Schaerer und dem Trompeter Martin Eberle. Das Musikvideo des Stücks "Après nous le déluge", dessen southparkoide Animation vom Keyboarder/Pianisten Benny Omerzell und Falter-Illustrator Schorsch Feierfeil besorgt wurde, kann man hier anhören und -schauen.

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