Was weiter geschah - FALTER.maily #648

Florian Klenk
Versendet am 19.10.2021

Haben Sie schon wieder den Überblick verloren? Ist ja auch kein Wunder. Die ÖVP erweckt den Eindruck, es gehe jetzt um ein paar derbe Chats, also private Nachrichten, die die Journaille unerlaubterweise an die Öffentlichkeit gespielt hatte. Wer hat denn nicht selbst schon mal etwas Zotiges geschrieben? Na eben. Auch Sebastian Kurz ist nur ein Mensch.

Aber um derbe Zoten geht es nicht. Das ist eine Nebelgranate. Worum geht es wirklich?

Erstens: Die WKStA wirft Sebastian Kurz vor, er und seine Clique seien von Wolfgang Fellner bestochen worden. Und zwar mit einem Koffer voller Schlagzeilen und dem Zugriff in die redaktionelle Berichterstattung. Dafür sei Steuergeld an die Fellners geflossen. Cash for Headlines. Es geht um 1,2 Millionen Euro. Dieser Vorwurf wird geklärt.

Zweitens: Die WKStA wirft Kurz vor, er habe seine Clique dazu gebracht, Steuergeld für das Verfassen frisierter Studien auszugeben. Und zwar mindestens 140.000 Euro. Das Geld soll an die Demoskopin Sabine Beinschab geflossen sein. Hier ist der Verdacht besonders dringend. Denn es gibt Chats, die die Absprache belegen.

Drittens: Neue FALTER-Recherchen (Sie finden sie hier) zeigen, dass Beinschab auch nach der Wahl von Kurz massiv verdient hat. Und zwar für schlecht gemachte Studien, die stets die Politik von Sebastian Kurz propagierten. Auch hier soll der Staat die Propaganda finanziert haben, also wir.

Viertens: Die WKStA hegt den Verdacht, streng geheime Ermittlungsmaßnahmen, etwa die Razzien bei Beinschab, den Fellners und im Kanzleramt seien verpfiffen worden. Der Verdacht erhärtete sich nach der Auswertung von Beinschabs Handy. Nur wenige Stunden vor der Hausdurchsuchung löschte sie ihre Chats mit den Sprechern von Kurz, mit den Fellners und mit Thomas Schmid. Im Netz googelte Beinschab, wie man eine iCloud löscht und eine Apple-ID neu vergibt. Die WKStA verhängte U-Haft wegen Verdunkelungsgefahr. Schon nach 48 Stunden kam Beinschab aber frei.

Fünftens: Es ist denkbar, dass Beinschab seit der Verhaftung mit den Ermittlern kooperiert. Ihr droht eine lange Haftstrafe, aber sie weiß auch, dass ein Geständnis (im Falle ihrer Schuld) ein erheblicher Milderungsgrund ist, der ihr Freiheit bescheren würde, statt Jahre im Knast.

Sechstens: Der Fall zeigt, an welchen Sicherungen Sebastian Kurz gedreht hat. Er schmierte Boulevardmedien, er attackierte die Justiz, seine Prätorianer drohten kritischen Forschern und Kirchenleuten mit Fördergeldentzug. Er beseitigte Widersacher und Dissidenz in der eigenen Partei und er diskreditierte die parlamentarische Kontrolle.

Sebastian Kurz, so zeigt sich nun, war nicht nur zu unreif, dieses Land zu führen, sondern auch zu dreist. Das Fummeln am Sicherungskasten hat einen Kurzschluss erzeugt. Der Blitz erleuchtet, was hinter den Kulissen im Dunklen wirklich geschah. Zumindest für einige Zeit.

Florian Klenk

Auch diese Woche beschäftigen wir uns intensiv mit der Causa Prima. Eva Konzett, Josef Redl, Lukas Matzinger und ich haben uns die Geschäfte der Sabine Beinschab näher angesehen. Nina Horaczek und Barbara Tóth haben die Grüne Klubobfrau Sigi Maurer interviewt und Tóth hat die Chats von Thomas Schmid einer kritischen Reflexion unterzogen. Armin Thurnher fordert hier eine neue Medienpolitik. Die Chefin des Presseclubs Concordia, Daniela Kraus, hat uns zur Inseratenkorruption diesen Essay verfasst.

Wer es gerne knapp hat: In diesem Video fasse ich die Inseratenaffäre in unter zwei Minuten zusammen.

Der Herbst ist da und damit auch der FALTER Bücher-Herbst, die wohl beste Literaturbeilage des Landes. Editiert wird sie von FALTER-Autor und Literaturkritiker Klaus Nüchtern und unserer Sachbuchexpertin Kirstin Breitenfellner. Die Beilage finden Sie im aktuellen FALTER, Sie können sie unter diesem Link auch digital lesen. Danke allen Rezensentinnen und Rezensenten sowie unserem großartigen Illustrator PM Hoffmann!

Unsere Podcast-Hörerzahlen fliegen gerade in ungeahnte Höhen. Barbara Tóths und Josef Redls Gespräch mit Christian Kern erzielte Rekordwerte, ebenso der Podcast von Florian Scheuba mit den beiden Ibiza-Aufdeckern. Scheuba legt diese Woche nach. Der Kabarettist fragt nach bei Helmut Brandstätter, er entdeckt eine personale Konstante in der Karriere von Sebastian Kurz und Karl-Heinz Grasser und beschreibt, wie diese Konstante auch Wolfgang Fellner zu Diensten war. Helmut Brandstätter sagt: "Kurz hat permanent Umfragen in Auftrag gegeben, wo man bis heute nicht weiß, wer sie bezahlt hat. Ist das vielleicht hinten rum irgendwo geflossen?" Antworten darauf finden Sie in diesem Falter.

Soll man Kinder impfen, auch wenn sie noch nicht 12 Jahre alt sind? Ich habe für mich die Frage mit "Ja" beantwortet. Viele Eltern überlegen noch. Clara Porak hat ÄrztInnen und Eltern befragt, was von einer Corona-Impfung für Kinder zu halten ist. Ihren Text finden Sie hier.

Am 21. Oktober startet die 59. Viennale. Unser Filmredakteur Michael Omasta hat mit Eva Sangiorgi über das diesjährige Programm gesprochen. Die künstlerische Leiterin des Festivals freut sich nicht nur auf die Filme selbst, sondern auch darauf, die Hauptspielstätte der Viennale wieder belebt zu sehen: "Das Gartenbaukino strahlt richtig", sagt sie. "Es wirkt so frisch und elegant, wie es bei seiner Eröffnung vor über 60 Jahren einmal gewesen sein muss." Weiters bietet unsere Kultur- und Programmbeilage einen Ausblick auf das neuste Projekt des Konzeptkünstlers Oliver Hangl, der eine Hausfassade im Sonnwendviertel zum Sprechen bringt; die Fotoserie "Leuchtkasten" stellt das großartige neue Buch des Wiener Pressefotografen Kristian Bissuti vor, und Nicole Scheyerers "Atelierbesuch" beantwortet diesmal die Frage, warum das Modelabel des Künstlers Jojo Gronostay "Dead White Men’s Clothes" heißt.

Wir begleiten Sie ganzheitlich und individuell auf Ihrem Weg.

Aldea ist eine Praxisgemeinschaft von Lebens- & Sozialberater*innen, Coach*innen, Trainer*innen Energetiker*innen, und Körpertherapeut*innen mit ganz unterschiedlichen Ausbildungen und Hintergründen.

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