Das Märchen vom falschen Prinzen

Lukas Matzinger
Versendet am 24.10.2021

Es war einmal eine Partei für die Bauern, Kaufleute und Gläubigen im Land, die mit diesen Ständen allmählich an Bedeutung verlor. Um ihre Herrschaft zu wahren, hat die Partei einen riskanten Pakt geschlossen. Sie hat sich einem jungen Prinzen ausgeliefert.

Der Preis: Die Macht bekam er und nicht die Partei. Sie musste ihre Farbe ablegen und trug fortan seinen Namen. Er allein durfte Volksvertreter erwählen, Bündnisse beschließen und zu Regenten machen, wen immer er wollte. Die Equipe des jungen Mannes ritt an die Spitze, die alte Partei fand das Klackern schön.

Doch nach und nach verbreitete sich die Kunde, dass der Siegeszug des jungen Mannes an jeder Tugend vorbeiführte. Sein Clan und er haben im Machtrausch wahrscheinlich Volksumfragen frisieren lassen, um seinen Vorgänger zu stürzen und in Folge, um den Menschen ihre Zufriedenheit einzubläuen.

Sie haben kritische Berichterstatter geschwächt, wahrscheinlich Jubelmeldungen erkauft und das wahrscheinlich sogar mit Gemeinschaftsgeld bezahlt. Sie haben Forschungsstände getürkt, um das Land aufzuwiegeln, die Gerichtsbarkeit angegriffen und die Kontrolle des Parlaments verhöhnt. Das Volk hatte genug gesehen, es vertraut dem jungen Prinzen nicht mehr und will ihn nicht mehr zum Anführer.

Womit die unverschnörkelte Gegenwart beginnt. Die ÖVP ist ungefähr so beliebt wie vor der Überantwortung an Sebastian Kurz. Nur dass dieses Mal jede Fantasie fehlt, wie sie ihre Misslage halbwegs heil überstehen soll.

Es warten nun Monate, in denen sichergestellte Telefone, ein Untersuchungsausschuss und vielleicht sogar Zeugen und Verdächtige den Parteiobmann zu belasten drohen. Wenn die ÖVP an ihrem vertrauensunwürdigen Personal festhält, hat ihre Ära der schlechten Nachrichten erst begonnen.

Sollte sie sich von der tadeligen Clique trennen, steht sie mit genau dem Bisschen da, das der junge Mann von dieser Partei übrig gelassen hat: ein paar Bünden und Othmar Karas. Und in ihren schlimmsten Albträumen sinnt der Prinz sogar auf Rache und tritt gegen die ehemalige Partei ins Feld. Das Märchen nimmt ein böses Ende.

Ihr Lukas Matzinger


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