Wo die Erinnerung ist - FALTER.maily #654

Eva Konzett
Versendet am 26.10.2021

An der Fassade des Gemeindebaus, auf die ich von meinem Wohnzimmer aus blicke, hat der Hausmeister am Samstag schon die Österreichfahne gehisst. Es ist wieder Nationalfeiertag. Österreich ist rot-weiß-rot.

Als Kind habe ich die Erzählung vom letzten Soldaten gern gemocht, der das Land an diesem 26. Oktober 1955 verlassen haben soll. Ich stellte mir einen schneidigen jungen Mann vor, der in die Turbinenmaschine steigt, sich auf dem Treppchen noch einmal umdreht und winkt. Eine Geste des "Ihr müsst es jetzt alleine hinkriegen". Wie schnöde dagegen wirkt diese seltsame Geschichte mit der Neutralität, Ausdruck sowohl eines schlampigen Umgangs mit der Vergangenheit sowie der Gegenwart als auch dessen, dass es damals eben nicht sehr viel Herzeigbares gegeben hat, was einen Nationalfeiertag gerechtfertigt hätte.

Historiker sprechen von "Erinnerungsorten", an denen sich das kollektive Gedächtnis festmacht, also dieses emotionale Band, das Generationen, Milieus und Klassen zu einem "Österreich" zusammenhält. Nicht alle finden sich auf Land- oder Stadtkarten. Der Erinnerungsort ist nicht Geographie, sondern Topos. Manchmal ist er nicht einmal real, so wie der Besatzungssoldat, der unzähligen Kohorten an Volksschülern Adieu sagte.

Ich bin gestern im Bermudadreieck den Weg des 2. Novembers noch einmal abgegangen. In einer Woche jährt sich der islamistische Terroranschlag in Wien zum ersten Mal. Dieser Erinnerungsort ist für jeden betretbar. Die meisten - auch ich - tun es wieder unbedarft, viele unwissentlich. Die Stadt Wien hat auf dem Desider-Friedmann-Platz einen Gedenkstein errichten lassen. Die englische Inschrift ist grammatikalisch falsch, die Angehörigen der Opfer waren zur Einweihung nicht eingeladen. Manchmal trägt Erinnerung hierzulande die Farbe des Steines: Verwaschenes Grau.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Nationalfeiertag!

Ihre Eva Konzett


Aus Dem Falter 1

Die Rechercheplattform Dossier hat den Terroranschlag von Wien in monatelangem Aktenstudium und gemeinsam mit den Angehörigen der Opfer rekonstruiert. Der FALTER hat das Ergebnis dieser Langzeitbetrachtung auf das dieswöchige Cover gehievt und widmet dem Anschlag und seinen Folgen sechs Seiten in der Politikstrecke. Die Dossier-Recherchen können Sie in diesem Ö1-Hörbild auch nachhören.


Aus Dem Falter 2

Der witzigste Polithasardeur des Landes und Punkmusikant Marco Pogo gewährte FALTER-Feinspitz Gerhard Stöger Audienz. Er spricht über die Mühen und die Schönheit der Lokalpolitik sowie Impfstraßen bei den Konzerten seiner Band Turbobier.


Mit Wem Wir Rechnen Müssen

..im nächsten U-Ausschuss ist die grüne Abgeordnete Nina Tomaselli. Wie bereits im Ibiza-Untersuchungsausschuss soll sie türkise Skandale aufdecken, ohne dabei die Koalition mit der ÖVP zu gefährden. Kann dieser Spagat gut gehen? Nina Horaczek hat die Abgeordnete hier porträtiert.


Podcast

Scheuba fragt nach… diesmal bei Fritz Jergitsch, dem Buchautor und Satiriker von "Die Tagespresse". Florian Scheuba fragt sich, warum Wolfgang Fellner 61 Mitarbeiter für die Herstellung eines Titelblatts und die ÖVP öffentliche Pressekonferenzen für die Mitarbeiterkommunikation benötigt. Mit Fritz Jergitsch spricht er über die vergebene Chance des Andreas Hanger und Fake-News auf Servus TV.


Falter Woche

Herbstzeit ist Festivalzeit, zumindest in Wien: Die Konzertreihe "Wien im Rosenstolz" läuft noch bis 31. Oktober im Theater am Spittelberg, Cineast*innen lockt ebenfalls bis Sonntag die Viennale in die Kinos. Parallel dazu startet am Wochenende Wien Modern. Was die bis Ende November dauernde 34. Ausgabe des Festivals für zeitgenössische Musik bringt, weiß unsere Klassik-Expertin Miriam Damev. Julia Pühringer sprach mit der französischen Schauspielerin Chiara Mastroianni über ihre Hauptrolle in der surrealen Komödie "Zimmer 212", Nicole Scheyerer stattete der Künstlerin Christiane Peschek einen Atelierbesuch ab, und Christopher Mavrič erinnert in der wöchentlichen Fotostrecke unserer Kultur- und Programmbeilage, an die "Lemurenköpfe" von Franz West – Skulpturen, die zuletzt aus dem öffentlichen Raum der Stadt verschwundenen sind.


Falter Natur

Ein paar Atemzüge genügten, um den Rest des Lebens des französischen Landwirts Paul François zu verändern. 2004 atmete er Dämpfe des Unkrautvernichtungsmittels "Lasso" ein und wird mit schweren Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus gebracht. Er verklagt den Düngemittelkonzern Monsanto – und gewinnt den Prozess. Im Gespräch mit dem FALTER spricht François über seine Vergiftung, seinen Umstieg auf Bio und die globale Zukunft der Landwirtschaft.


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