Phänomenologie der Grüßbekanntschaft - FALTER.maily #662

Klaus Nüchtern
Versendet am 05.11.2021

Obwohl ich bekennender Hörsaalromantiker bin, habe ich es dieses Semester noch in keinen Uni-Hörsaal geschafft. Das liegt zum einen daran, dass ich ziemlich lange gebraucht habe, um überhaupt zu übernasern, dass einige meiner Vorlesungen auch "hybrid" angeboten werden (die meisten sind reine Online-Formate) und zum anderen daran, dass just zum Vorlesungstermin immer auch was anderes ist: Redaktionssitzung oder Rückengymnastik.

Was ich auf meinem Laptop zu sehen bekomme, ist ein acht mal vierzehn Zentimeter großes, von einem leichten graublauen Schleier überzogenes Fenster, in dem hinter dem Pult und vor der Tafel die drei Zentimeter hohe Figur des Vortragenden zu sehen ist; daneben sieht man die Power-Point-Folien in einem Ausschnitt des gleichen Formats. Hin und wieder gehen maskierte Menschen durchs Bild. Das sind meine Kolleg:innen, die tatsächlich vor Ort sind.

Vor Ort, das ist der Hörsaal 41 im Hauptgebäude der Uni Wien. Es ist quasi mein Stammhörsaal. Ich mag den 41er, wie ich ihn nenne, eigentlich recht gerne. Er hat Tageslicht von zwei Seiten und wird vom Typus her offiziell als "Parlament aufsteigend für 140 Personen" beschrieben. Das bedeutet, dass er unter den derzeit geltenden Sicherheitsbestimmungen für 70 Personen zugelassen ist. Ich erinnere mich an eine Neuzeit-Vorlesung, wo zu Beginn des Sommersemsters 2018 nicht nur die Sitzplätze, sondern auch die Treppen und Fensterbänke des 41ers belegt waren, sodass sich der Professor angehalten sah, die Anwesenden aufzufordern, den Hörsaal wieder zu verlassen, beziehungsweise für den Rest des Semesters erst gar nicht mehr zu betreten, denn die Vorlesung werde ohnedies aufgezeichnet. Ich bin geblieben, natürlich ohne auch nur im geringsten zu ahnen, dass ein überfüllter Hörsaal bald zu einer historischen Erfahrung werden sollte.

Der Linguist Heiko Hausendorf, der auch zum Zusammenhang zwischen Interaktion und Architektur forscht und den Hörsaal als "natural home of lecturing" bezeichnet, hat auf die theatralen Aspekte dieses Settings hingewiesen, die sich ja schon in den architektonischen Analogien mit einem Amphitheater manifestieren. Die dort Platz nehmenden Studierenden positionieren sich, so Hausendorf, "nolens volens als Teil eines Publikums, für das und vor dem etwas dargeboten wird, das nicht in zurückgelehnt entspannter Haltung entgegengenommen, sondern (mit-)schreibbereit und entsprechend gespannt zu verfolgen ist".

Diese "Selbst- und Fremdwahrnehmung als Publikum" fällt in der virtuellen Lehre naturgemäß weg. Und das gilt auch für gestreamte Konzerte, Opern- oder Theateraufführungen oder wenn wir Filme nicht im Kino, sondern auf Netflix schauen. Damit fällt auch das aus, was man als "spontansoziologische Alltagswahrnehmung" bezeichnen könnte. Ob wir uns nun gerade im Kinofoyer, im Konzertsaal, im Klub oder in der Schlange am Käsestand befinden, scannen wir unsere Umgebung. Wir nehmen uns selbst als Teil eines (kultur)konsumierenden Clusters wahr, registrieren dessen Zusammensetzung nach Kriterien von race, gender, age und class; wir fühlen uns fremd oder zugehörig, wundern uns, was der oder die da machen. Ich persönlich bin auch immer auf die Männerpferdeschwanzfrisurendichte fokussiert und an der Frage interessiert, ob ich eventuell den Altersschnitt senke – was mir allenfalls bei Gartenschauen und manchen Jazzkonzerten gelingt; an Heizdeckenfahren nehme ich (noch) nicht teil.

Außerdem sollte sich mal jemand um eine "Phänomenologie der Grüßbekanntschaft" kümmern. Ständig läuft man ja Menschen über den Weg, die man a) von da oder dort, b) von irgendwo her, c) eigentlich nicht wirklich kennt, die einen aber zu kennen scheinen; d) die man kennt, von denen man aber nicht weiß, ob sie einen ebenfalls (er)kennen und die man dann e) doch nicht grüßt, um sie nicht in Verlegenheit zu bringt, obwohl man sie kennt und von denen man eventuell f) vermutet, dass die es genauso halten.

Auch solche Begegnungen bereichern unser Leben, sie bilden gleichsam eine Blase der Virtualität im Medium der Realpräsenz. (Das behaupte ich jetzt einfach mal, weil es ein hübsches hörsaalkompatibles Sätzchen ist). Ich unterwinde mich freiwillig den pandemiebedingten biopolitischen und sozialen Disziplinierungsmaßnahmen, halte Impfungen, Maskierungen und Testungen für zielführende Maßnahmen, bin aber auch eher pro Begegnung. Was ich allerdings sehr gerne virtualisiert und in gestreamter Form sehen würde, ist das Adventmarktsbusiness. Herr Bürgermeister, ich habe Sie nicht aus Jux und Tollerei gewählt!

Ihr Klaus Nüchtern

Im Interview mit Sebastian Fasthuber plaudern Barbi Marković (Jg. 1980) und Elias Hirschl (Jg. 1994) aus dem Nähkästchen ihrer Schriftsteller:innenexistenz. Zum Beispiel darüber, dass Marković für ihren jüngsten Roman "Die verschissene Zeit" serbische Schimpfworte wortwörtlich ins Deutsche übertragen hat, und dass sich Hirschl bei einer Lesung seiner Kollegin vor lauter Lachen nicht mehr einkriegen konnte. Das ganze Interview lesen Sie hier.

Zum Beispiel: Preise entgegennehmen. Wie schon vor Monaten angekündigt, wurde meine wunderbare Kollegin Nicole Scheyerer mit dem Staatspreis für Kunstkritik ausgezeichnet. Gestern war es dann endlich so weit, dass sie – gemeinsam mit Thomas Macho (Kulturpublizistik) und Stefan Gmünder (Literaturkritik) – die Ehrung im Landtagssaal des Palais Niederösterreich in der Herrengasse entgegennehmen durfte. Ihre Kollegin und Freundin Nina Schedlmayer hielt eine pfiffige Laudatio, in der sie den von Scheyerer als Genre etablierten Atelierbesuch sehr zu Recht besonders würdigte. Nicole war während ihrer Dankesrede nicht nur erfreut, sondern auch sichtlich und hörbar gerührt. So soll es sein!

Der oben erwähnte Linguist Heiko Hausendorf hat im Oktober vergangenen Jahres – aus pandemiebedingten und -aktuellen Gründen – einen "Sofavortrag" zum Thema "Im virtuellen Raum: Wo bleibt die Kommunikation?" gehalten, den man auf Youtube nachhören- und -schauen kann.

Die Lesung der – hier und an anderer Stelle – bereits mehrfach gepriesenen und auch interviewten britischen Schriftstellerin, Essayistin und Wissenschaftshistorikerin Helen Macdonald, die ich diese Woche in der Hauptbücherei moderieren durfte, kann man demnächst auf dem Youtubekanal der Hauptbücherei ebenfalls nachhören und -schauen. Worin es in ihrer jüngsten Essaysammlung "Abendflüge" geht, erklärt die Autorin hier.

Weil man UNVERGESSEN bleiben möchte.

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