Experten für alles! - FALTER.maily #669

Armin Thurnher
Versendet am 14.11.2021

Als Journalist bin ich Experte für Allwissenheit. Deswegen trifft mich die derzeitige Krise der Experten ins Herz. Was heißt überhaupt Krise der Experten? Es ist eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise von allem. Nichts mehr erscheint uns glaubwürdig, sodass wir am Ende den Zweifel selbst verteufeln, die Mutter aller Erkenntnis.

Wer darf noch zweifeln? Natürlich nur die Wohlinformierten, heißt es. Wohin wäre die Erkenntnis des Menschen gelangt, hätten nur deren Zweifel gegolten? Nicht über den Steinwurf des Herdenstärksten auf das nächste Mammut hinaus.

Es ist also durchaus erlaubt, auch an den Gedanken und am Wissen der Bestinformierten zu zweifeln. Allerdings sollte man sich dabei nicht in der Etage verschätzen. Mit einem Beinbruch würde ich zum Beispiel nicht Herrn Kickl aufsuchen, und ich würde Herrn Kickl ersuchen, seine Meinung über Beinbrüche, die ihm unbenommen ist, nicht als medizinische Expertise auszugeben. Er mag behaupten, Beinbrüche mit Reden heilen zu können, aber die Wahrheit ist nach solcher Therapie ziemlich schlecht zu Fuß.

Alltagszweifel ist eben nicht wissenschaftlicher Zweifel. Dieser ist auch nicht auf der Ebene des Landeshauptmanns angesiedelt. Wenn der Oberösterreicher Thomas Stelzer – er ist tatsächlich in diesem Land Landeshauptmann – uns versichert, er sei den Experten nun nicht böse, dass er sich nicht an ihre Empfehlungen gehalten habe, Irren sei schließlich menschlich, und er meint mit den Irrenden nicht sich, sondern den Rat der Wissenschaft, den er nicht befolgte, dann ist das schon ein Stück, das man früher einmal Chuzpe genannt und ganz früher einmal mit dem Schwingen nasser Fetzen zwecks umstandsloser Vertreibung aus dem Amt belohnt hätte.

Ja, früher. Da hätten sie auch noch keine juristischen Experten-Gutachten verfasst, geschweige denn veröffentlicht, die zur Entlastung eines XX-Kanzlers dienen sollen, der sich selbst in äußerst unvorteilhafter Weise belastet hat. Nämlich nicht nur, indem er sich beim Chatten erwischen ließ, als er seinem innerparteilichen Rivalen Reinhold Mitterlehner den Dolch in den Rücken stoßen und seine Partei und die Öffentlichkeit mir mutmaßlich geschönten Umfragen glauben ließ, er sei ein Wunderwuzzi.

Es stimmt ja. Wer solche Tricks abzieht, ist in der Tat ein Wunderwuzzi, was immer das heißt. Wie dieser XX-Kanzler allerdings die Pandemie bekämpfte (außer ganz am Anfang, als sein Freund Bibi Netanjahu ihm noch ins Ohr flüsterte), sondern vielmehr zu benützen versuchte, um sich mit ihr zu profilieren, und zwar auf Kosten vieler Menschen, ihrer Gesundheit und ihres Lebens, das disqualifizierte ihn schon ernstlich für sein schönes Amt.

Nun, da er dieses Amt verloren hat und um sein drittes X kämpft, gibt er Gutachten in Auftrag, und ein juristischer Experte tritt vor uns hin und erklärt uns, es sei nicht Korruption, wenn man durch gute, umwegige Bezahlung der Berichterstatter freundliche Berichterstattung erreiche, sondern gängige Praxis. Dieser vom XX-Kanzler, also mutmaßlich über die ÖVP und somit über unser Steuergeld bezahlte Experte hat Recht! Medienkorruption ist in Österreich gängige Praxis, und jede Ausnahme von dieser Regel sieht so bizarr aus, dass sie mit lebenslänglichem Außenseiterstatus belohnt wird. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin auch dafür Experte.

Ich wünsche Ihnen trotzdem eine schöne Woche!

Armin Thurnher

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Philosophen sind Experten für alles. Sagen manche. Philosophin Isolde Charim erinnert in ihrem Kommentar an einen Aufdecker, dem die USA den Krieg erklärt haben. Er steht in London wieder vor Gericht. Wird er ausgeliefert, käme das seinem Todesurteil gleich. Und einem Urteil über journalistische Freiheit.

In der die Kimakrise sind bald wirklich alle Experten. Der Falter hat aber immerhin ein eigenes Ressort dafür und einen erstklassigen Newsletter, den Sie hier abonnieren können. Kostet nichts, außer ein bisschen Zeit. Untermauert Ihre Expertise definitiv.

Im Maily #668 nannten wir den Historiker Philipp Sarasin "Thomas" und behaupteten sein brillantes Buch hieße "1978", wo es doch "1977" heißt. Wir bedanken uns beim Kollegen Klaus Nüchtern für den Hinweis.

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