Zurückscheißen - FALTER.maily #670

Gerhard Stöger
Versendet am 15.11.2021

Ziemlich genau vor acht Jahren traf ich die damals noch unbekannte Stefanie Sargnagel erstmals zum Interview. Social Media, ihr bevorzugtes Veröffentlichungsmedium, war mir zwar stets eine fremde Welt. Aber ich liebte die Arbeiten der Wiener Autorin und Künstlerin, die ein Subkultur-Magazin abgedruckt hatte. Ende November 2013 sollte ihr erstes Buch erscheinen, "Binge Living. Callcenter-Monologe". Zeit für ein Porträt im FALTER.

Ein paar Tage nach dem Interview schaute Sargnagel in der Redaktion vorbei, um mir einige ihrer kopierten Kunstheftchen zu bringen und noch weitere Fragen zu beantworten. Eine zum Kunstobjekt umfunktionierte Streichholzschachtel namens "Pussy in a Box" legte sie dazu. Beim Öffnen errötete ich – nicht des Inhalts, sondern des Freud'schen Verhörers wegen: Die kleine Bastelei war mitnichten obszön, sondern niedlich, sie hieß ja auch nicht "Pussy in a Box", sondern "Bussi in a Box": Ein niedliches Comic-Maxerl mit Glubschaugen winkt freundlich aus dem Schachterl und sagt in der Sprechblase "Bussi!"

Sargnagel ist längst zum Star aufgestiegen, unterwegs wurde sie irgendwann auch zur FALTER-Kollegin. Okay, nicht so richtig, denn in der Redaktion ist sie nie anzutreffen, aber allwöchentlich erscheint hinten bei den Kolumnen die Cartoonreihe "Sargnägel". In der pointierten Mischung aus Minimalismus und Geschichtenerzählertum, aus Haltungsstärke, Härte und rustikaler Herzlichkeit sind Steffis ebenso liebevolle wie zornige Weltbetrachtungen für mich ein wöchentliches Highlight im Blatt.

Der Beitrag im heute gerade noch aktuellen Falter ist ungewöhnlich, besteht er doch nicht aus einem, sondern aus vier Bildern. Ein Typ quatscht den anderen voll. Die Spaltung der Gesellschaft beängstige ihn, sagt er, und dass er ja gewiss kein Impfgegner sei, aber halt Respekt für die Entscheidung fordere, sich nicht impfen zu lassen, er respektiere schließlich auch jene, die das sehr wohl täten. Im letzten Bild steht der Zweite auf dem Kopf des Ungeimpften und kackt ihn an. "Walter, was machst du?", fragt der Ungeimpfte verdutzt. "Respektiers!", antwortet Walter knapp.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich hatte seit Ausbruch der Pandemie nicht nur einmal das Gefühl, auf den Kopf gekackt zu bekommen. Die Option, als jeden Lockdown sowie jede Vorsichtsmaßnahme tunlichst einhaltender und bei der erstbesten Gelegenheit dankbar geimpfter Mensch einfach einmal ungeniert zurückzuscheißen, ist de facto natürlich keine. Aber es tut gut, über dieses drastische Bild lachen zu können – und das Wesen der Impfgegnerschaft gleichzeitig so plastisch dargestellt zu sehen.

Gerhard Stöger

Unser Pop- und Literaturkritiker Sebastian Fasthuber hat nicht nur ein Faible für (unter anderem) Roxy Music, Ambient-Elektronik, Afrobeat und Karlheinz Stockhausen, sein Herz schlägt auch für deutschen Schlager. Den 84-jährigen Entertainer und Genre-Altspatz Robert Blanco hat letztens aber Feuilleton-Chef Matthias Dusini getroffen. Anekdoten aus der Schlagerwelt bietet das Gespräch keine, der Schmäh kommt bei aller Seriosität trotzdem nicht zu kurz. Anlass für das Treffen war Blancos Theorie, Ludwig van Beethoven habe afrikanische Vorfahren gehabt.

Als Nicole Scheyerer kürzlich den österreichischen Staatspreis für Kunstkritik verliehen bekam, würdigte Nina Schedlmayer in ihrer Laudatio ganz besonders die "Atelierbesuche", Scheyerers im Lockdown für die Falter:Woche entwickelte Porträtreihe lokaler Kunstschaffender. Sie wünsche sich früher oder später ein Buch mit den gesammelten Atelierbesuchen, meinte Schedlmayer. Eine ausgezeichnete Idee – der Besuch bei Dejan Dukic, Scheyerers aktuellster Teil dieser Artikelserie, ist der beste Beleg dafür. Die Printversion bietet als Bonus noch ein knalliges Dejan-Dukic-Poster unseres Fotografen Christopher Mavrič zum Ausschneiden.

Gemeinsam mit der Journalistin Dalia Ahmed wird der Musiker Andreas Spechtl das nächste Popfest Wien kuratieren. Nach zwei Jahren unter geänderten Bedingungen soll der viertägige Konzertreigen Ende Juli 2022 wieder auf und um den Karlsplatz über die Bühne gehen. Mit dem heuer im Frühjahr erschienenen Lied "The Cure" seiner Band Ja, Panik hat Spechtl den Lockdown-Blues treffend vertont und die Pandemie-Erschöpfung geschickt mit Kapitalismuskritik verbunden. Wer nach dem Hören Aufmunterung braucht: Als trotz allem positiv gestimmtes Gegenstück dazu bietet sich "Don't Stop" an, ein immergrüner Hit der US-Band Fleetwood Mac von 1977.

Was ist eigentlich diese Solidarität, von der alle reden? Die Kulturwissenschaftlerin Judith Kohlenberger hat für den FALTER Think-Tank darüber geschrieben, was bleibt, wenn eine Gesellschaft keine gemeinsame Erzählung mehr findet.

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