Schenken ist schön, macht aber Arbeit - FALTER.maily #676

Klaus Nüchtern
Versendet am 22.11.2021

Wo und wie und unter welchen Bedingungen wir dieses Fest auch feiern (oder ignorieren) werden, eines kann ich Ihnen schon heute verraten: Weihnachten wird heuer auf den 24. Dezember fallen. Ich erwähne das nur, falls Sie es mainstreammäßig mit Nadelbaum, Bescherung und Karpfenverzehr zu begehen gedenken und entsprechende Vorkehrungen treffen wollen. Als Fischallergiker lasse ich Letzteres aus, den Rest mache ich gerne mit, wobei mir inbrünstige Innigkeit und ironische Distanziertheit gleich fern stehen. Ich bin so etwas wie ein säkularer Weihnachtsfreund und darüber, dass ich nicht mehr Blockflöte spielen muss, schon sehr froh.

Am "Aufstieg von Weihnachten zum großen Familien-und Schenkfest" hatte übrigens Martin Luther entscheidenden Anteil, wie der Altgermanist Karl-Heinz Göttert weiß, dessen im Vorjahr erschienenes und überaus lesenswertes Buch "Weihnachten. Biographie eines Festes" Auskunft über die historische Genese einer göttlichen Geburtstagssause gibt, die sich überhaupt erst einmal etablieren und gegen Ostern durchsetzen musste.

Das Schwierigste an Weihnachten ist wohl das Schenken. Oder um ein bekanntes Bonmot des großen Karl Valentin zu paraphrasieren: Schenken ist schön, macht aber viel Arbeit. "Die Menschen verlernen das Schenken", befand denn auch der um niederschmetternde Niedergangsnarrative selten verlegene Theodor W. Adorno in seinen dunkelgrauen "Reflexionen aus dem beschädigten Leben", die 1951 unter dem hübschen Titel "Minima Moralia" erschienen. "Die Verletzung des Tauschprinzips haftet", so setzt der Goalgetter der Frankfurter Schule seinen mit "Umtausch nicht gestattet" überschriebenen Eintrag fort, "etwas Widersinniges und Unglaubwürdiges an; da und dort mustern selbst Kinder mißtrauisch den Geber, als wäre das Geschenk nur ein Trick, um ihnen Bürsten oder Seife zu verkaufen."

Bei Kindern hält man sich am besten an die Briefe ans Christkind oder die durch die Eltern distribuierten Wunschlisten. Ambitionierte Schenker fühlen sich dadurch freilich unterfordert: Einfach das Gewünschte, ja geradezu Bestellte zu schenken kommt für sie knapp vorm Gutschein, der den Umtausch unter allen Umständen verhindern soll: Such’s dir selber aus! Der Verfall des Schenkens freilich manifestiert sich, das hat der Adorno Theo schon super gesehen und voll auf den Punkt gebracht, in den "Geschenkartikel", jenen originellen Einfallslosigkeiten, "die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es gar nicht will."

"Wirkliches Schenken", so ein letztes Zitat des das Präteritum bemühenden Melancholikers Adorno, "hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten." So ist es (Präsens). Deswegen sind Menschen wie ich, die gerne schenken, aber schwer zu beschenken sind (weil sie eh schon alles haben), auch eine Plage. Es tut mir leid. Der Hinweis "Du brauchst mir nichts zu schenken, ich hab eh schon alles" erfüllt gegenüber Menschen, die einen mögen oder gar lieben und sich der schönen Imagination des Glücks im Auge des oder der Beschenkten hingeben, den Tatbestand seelischer Grausamkeit. Was also tun, wenn man Leute beschenken möchte, die tatsächlich schon alles haben?

Der abgenudelte Kissenstickspruch "Das Wertvollste, was man schenken kann, ist Zeit", ist nicht komplett daneben. Solange es nicht irgendwelche Kuschelbärentrallalapauschalarrangements mir Gruß aus der Küche und Kerzenlicht im Bad sind, gehen Initiativen zur gemeinsamen Freizeitgestaltung absolut in Ordnung. Warum nicht einmal ein wildes Weekend in Kirnberg an der Mank oder Neukirchen an der Vöckla verbringen? Eine schöne Flasche Quittenschnaps tut’s aber auch. Jedenfalls in meinem Falle. Prost!

Klaus Nüchtern

Hilfe beim Schenken leistet eventuell die vom FALTER seit vielen Jahren in Kooperation mit dem Integrationshaus durchgeführte Aktion "Hilfe, Geschenke!" Sie bietet nicht nur Anregungen und die (allerdings nur bis zum 8. Dezember bestehende) Chance, Geschenke zu gewinnen, sondern verhilft Spender:innen auch zum verdient wohligen Gefühl, was richtig gemacht zu haben.

Dummheit ist natürlich ein Dauerbrenner, in Zeiten, in denen Figuren wie Dagmar Belakowitsch als "Gesundheitssprecherinnen" agieren, aber hochinfektiös und besonders gefährlich. Die Linzer Psychiaterin, Neurologin und Gerichtsgutachterin Heidi Kastner hat dazu ein kurzweiliges, kluges und auch noch gut geschriebenes Buch gleichen Titels herausgebracht, in dem sie sich kein Blatt vor dem Mund nimmt und etwa darauf hinweist, dass das Recht auf eigene Meinung nicht mit dem Recht auf eigene Fakten verwechselt werden darf.

Im Sommer 1969 kam es beim "Harlem Culture Festival" zu einer Reihe von Konzerten, die insgesamt von 300.000 Menschen besucht wurden. Ein halbes Jahrhundert lang lagen die Filmdokumente, die es von diesem irreführenderweise als "Black Woodstock" apostrophierten, mitreißenden Auftritten – u.a. von B. B. King, Stevie Wonder, Nina Simone oder Sly & the Family Stone – gibt, im Keller, ehe sie jetzt unter dem Titel "Summer of Soul" als packendes Filmdokument herausgekommen sind. Eine wirksamere Schutzimpfung gegen Trübsinn wird man derzeit nicht finden. (Mehr über den Film und seine Hintergründe erfahren Sie in der kommenden FALTER:WOCHE)

Fußballerparodien sind das Graubrot des Kabarettismus. Aber niemand ist darin so gut wie Alex Kristan. Sein jüngster Streich ist ein heiterer bis übellauniger Laberflash von Hans Krankl, der nicht nur durch die vokale mimetische Performance, sondern auch dadurch besticht, dass er wirklich sehr, sehr lustig ist.

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