Pandemische Vernunft? - FALTER.maily #681

Armin Thurnher
Versendet am 28.11.2021

Was haben wir aus der Pandemie gelernt? Das fragt der Autor Steven Johnson in der New York Times und zieht den Vergleich mit der Großen Grippe von 1918/19, die 50 Millionen Menschenleben forderte und vergleichsweise wenig Eindruck hinterließ. Und zwar deswegen, sagt Johnson, weil Menschen damals an Seuchen und deren tödliche Wirkung gleichsam gewöhnt waren. Erst moderne Wissenschaft, Antibiotika und Hygienevorschriften haben das geändert.

Außerdem, erklärt Johnson, war die Lerngeschwindigkeit bei der Corona-Pandemie geradezu atemberaubend. Der Zeitraum von März bis Mai 2020 habe die am meisten beeindruckende kurzfristige Veränderung menschlichen Verhaltens in der Geschichte gebracht.

Bei der nächsten Attacke eines Virus könnte, ja würde die Menschheit gewiss darauf zurückgreifen und wieder in den Pandemie-Modus verfallen. Hätten das bereits diesmal  Anfang 2020 50 Prozent der Bevölkerung in urbanen Ballungsräumen gemacht, wäre die Pandemie insgesamt vielleicht so milde verlaufen wie etwa in Südkorea, sagt Jones. Lassen wir einmal das Konzept „Menschheit“ beiseite und beschränken wir uns auf demokratisch-aufgeklärte Gegenden, ist da wohl etwas dran.

Weiters stellte die Revolution der mRNA-Impfstoffe und deren Entwicklung einen geradezu unverhofften und zeitgerecht eingetretenen Segen dar. Diese neue medizinische  Technik könnte dazu führen, dass wir bald Impfstoffe gegen Geißeln der Menschheit wie Malaria und HIV entwickeln.  Malaria, falls Sie es nicht wussten, fordert weltweit 400.000 Todesopfer jährlich, HIV eine Million – ein wohlverdrängtes Faktum.

Wie seinerzeit die Große Grippe die Forschung nötigte, Impfstoffe gegen Influenza zu entwickeln, was in den 1940er-Jahren stattfand, werden auch die Impfstoff gegen Corona weiterentwickelt werden.

Pandemien, schließt der Autor, würden für seine Kinder zur normalsten Sache der Welt werden, aber seine Enkel könnten schon eine seuchenfreie Welt erleben.

Wie auch immer, wenn wir die Lügen- und Leugner-Pandemie beklagen, den vergifteten Ton, das Ende des öffentlichen Gesprächs, die Infragestellung aller wissenschaftlichen Gewissheit, den Aufstieg eines neuen Irrationalismus,  das Ende der US-amerikanischen Weltherrschaft und die Bedrohung aller demokratischen Werte, dann können wir uns doch vielleicht damit trösten, dass nicht alles umsonst war.

Wenn sich der pandemische Nebel legt und all die Verwüstungen sichtbar werden, aber auch die Heilungen, könnte es sein, dass wir entdecken, dass die Vernunft noch nicht ganz ausgestorben ist. Staatliches Handeln gilt wieder etwas, zum Beispiel. Das öffentliche Gesundheitssystem ist kein teurer Luxus, sondern eine demokratische Notwendigkeit. Vielleicht kommt die Vernunft sogar ganz gut durch die Pandemie?

Ich wünsche trotz allem eine schöne Woche.

Armin Thurnher

Eine gute Woche beginnt mit einer Expertise des Epidemiologen Robert Zangerle. Das muss nicht immer so sein, diesmal ist es aber so. Schauen wir, was er zur Omikron-Variante zu sagen hat, oder warum er es vielleicht für geboten hält, etwas anderes wichtiger zu finden. Die Seuchenkolumne abonnieren Sie kostenlos hier.

Falls Sie es versäumt haben, hier drei Geschichten, die Aspekte unserer jüngeren Vergangenheit umfassend und auf sehr verschiedenen Wiese aufarbeiten. Nina Horaczek, Eva Konzett und Barbara Tóth haben eine Chronik des Corona-Versagens aufgeschrieben; Florian Klenk bilanziert die Medienkampagne des Sebastian Kurz gegen die Justiz; und Matthias Dusini wirft einen etwas anderen Blick auf Esoterik.

Die Journalistin Anna Goldenberg, der Schriftsteller und Roma-Aktivist Samuel Mago und der Geschäftsführer des Therapiezentrums ESRA Peter Schwarz reden miteinander darüber, wie die Realitäten nach der Shoa und dem Porajmos, dem Roma-Genozid, für die zweite und dritte Generation aussehen. Die Historikerin Sarah Knoll moderiert dieses bei einer Veranstaltung des Republikanischen Clubs aufgezeichnete Gespräch.

Wie können neue Ansätze für Klima und Demokratie aussehen? Ideen für eine "Politik der Vielen" präsentiert die Leiterin der sozial-liberalen Denkfabrik "Momentum Institut", Barbara Blaha, kommenden Dienstag, 30.11., beim Wiener Stadtgespräch. Organisiert haben Arbeiterkammer und FALTER, es moderiert der Journalist Peter Huemer. Ab 19h wird das Gespräch in diesem Livestream übertragen. Ein Interview mit Blaha finden Sie auch im aktuellen FALTER: "Die SPÖ steht auf der falschen Seite"

Georg Stefan Troller - DVD-Edition zum Jubiläum

Anlässlich seines 100. Geburtstages am 10. Dezember widmet das Filmarchiv Austria dem Journalisten und Filmemacher eine umfassende DVD-Edition. Die 6-teilige Box beinhaltet Beiträge aus seinen TV-Reihen PARISER JOURNAL und PERSONENBESCHREIBUNG sowie den neuen Dokumentarfilm AUSLEGUNG DER WIRKLICHKEIT – GEORG STEFAN TROLLER.

Webshop auf www.filmarchiv.at


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!