#hamann - FALTER.maily #683

Florian Klenk
Versendet am 30.11.2021

Kaum eine Politikerin kenne ich so gut wie Sibylle Hamann und ich schicke voraus, ich bin befreundet mit ihr und daher befangen.

Ich lernte sie 1997 kennen, da unterrichtete sie Journalismus und ich war ihr nerviger Schüler. Sie redigierte meine ersten Texte, sie war die erste Frau, die mir die Welt des Feminismus eröffnete. Hamann arbeitete damals beim profil, wurde freie Autorin, vor allem beim Falter. Sie schrieb bei uns über Flüchtlinge, Bildung, Krieg und Frauen. Sie reiste in Kriegsgebiete und wanderte auch rauf auf die Saualm, wo die Kärntner Rechtsextremisten Flüchtlinge separierten.

Vor allem aber suchte sie immer wieder jene Schulen auf, die Konservative gerne als "Brennpunktschulen" framen und schrieb auf, was dort nicht funktioniert. Als Flüchtlinge ins Land kamen, nahm sie nicht nur welche bei sich auf, sondern reflektierte in Büchern auch deren und unsere Ansprüche. Hamann vermittelte ihnen Wohnungen, bürgte für Kautionen, lernte mit den Kindern Deutsch, las ihnen vor, sang mit ihnen im Chor, stritt mit ihnen über das Kopftuch. Und dann wechselte sie in die Politik. Zu den Grünen.

Hamann ist dort eine jener Stimmen, die auch jetzt für offene, aber sichere Schulen eintritt. Ich will hier nicht darüber diskutieren, ob das richtig oder falsch ist. Darum geht es mir jetzt nicht, auch unsere Redaktion ist in der Frage gespalten. Ein pro und contra dazu lesen Sie hier. Ich selbst bin für offene, aber streng kontrollierte Schulen.

Es geht mir jetzt aber um etwas anderes. Um diesen brutalen und menschenverachtenden Ton, der in der Debatte über Schulschließungen via Social Media in die öffentliche Debatte eingezogen ist, vor allem auch im linken Milieu (im rechten Sumpf bin ich ihn ja gewohnt).

Hamann gab kürzlich ein Interview in der ORF-Sendung "Hohes Haus" und meinte, dass die Infektionszahlen unter Kindern auch deshalb so hoch seien, weil dort so konsequent getestet werde. Würden die Kinder zu Hause bleiben, würden sie sich genau so infizieren, aber man würde es nicht mehr bemerken. Es war ein Argument für offene Schulen. Sie trug es ruhig vor.

Irgendwer stellte die Wortmeldung auf Twitter und schon flogen die faulen Eier auf Hamann. Ein bekannter Journalist des Standard verglich sie mit Trump, eine Userin unterstellte ihr "Querdenker-Logik", ein anderer schrieb: "Ich sag's ja ungern aber von den Grünen pisst mich die Hamann derzeit 1000x mehr an als der Mückstein. Komplett auf Kinderdurchseuchungslinie". Ein ehemaliger Pressesprecher der Grünen schrieb von "Schulen offen-Fundis", die für das Motto "Gewinnstreben vor Leben" das "Bobostan-Feigenblatt" machen.

Der digitale Heugabelmob schaukelte sich in wenigen Stunden hoch. "Bobos, wie auch die Grünen, scherten sich noch nie um die Schwachen", meinte einer. "Rohe Bildungsbürgerlichkeit", der nächste. Ein User trieb es dann auf die Spitze: "Ja, Lifestyle-Linke haben eben noch ein eugenisches Menschenbild!". Hamann sei also dafür lebensunwertes Leben zu vernichten? So schnell wird aus einer engagierten Frau eine Rassenhygienikerin?

Das war jetzt nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was ich in wenigen Sekunden unter dem Hashtag #Hamann gefunden habe. Es gibt noch andere, sexistische, hasserfüllte und misogyne Tweets, die ich hier, wie es auf Linkstwitter immer so schön korrekt heißt, "nicht reproduzieren" will.

Der deutsche Kommunikationswissenschafter Bernhard Pörksen nennt das, was wir da alle tun, in seinem famosen Buch ein Produkt der "großen Gereiztheit". Der Netzpublizist Sascha Lobo warnt, dass uns die "sozialen Medien in die Lage versetzen, den Menschen in die Köpfe zu schauen". Durch diese "Direktbetrachtung spontaner Kommunikation wird letztlich die Idee gemeinsamer basaler Werte zerstört, die eine Gesellschaft zumindest im Sinne einer freundlichen Illusion benötige".

Ich weiß nicht, wie Hamann mit dieser "konstanten Konfrontation" (Pörksen) umgeht. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung als Journalist, dass das etwas mit einem macht. Ich weiß nicht, wie sich dieser völlig überhitzte Diskursraum auf den politischen Entscheidungsprozess auswirkt. Ich weiß nur, dass viele Menschen die politische Arena nie im Leben betreten werden, weil sie sich das einfach nicht geben wollen. Das wird die Politik á la longue nicht besser machen. Im Gegenteil. Wir müssen daher lernen, anders zu debattieren. Alle.

Florian Klenk

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Reden statt brüllen: Wir machen gleich einmal den Anfang und haben Sibylle Hamann zum Interview geladen. Nina Horaczek, eine Kritikerin der Schulöffnungen, diskutiert hier mit Sibylle Hamann, wie es um die Schulen steht. Wenn Sie keine Zeit zum Lesen haben, können Sie das Gespräch auch hier nachhören. Eva Konzett wiederum ist der Frage nachgegangen, ob es klügere Lösungen als eine Impfpflicht gibt. Der Verhaltensökonom Gerhard Fehler kennt sie und erklärt, worauf es jetzt ankommt. Und unsere Wissenschaftsredakteurin Katharina Kropshofer hat die bekannteste deutsche Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Ngyuen-Kim über die Rolle der Medien in der Pandemie befragt. Die mehrfach ausgezeichnete Chemikerin und Journalistin ist für eine Impfpflicht. Warum? Das erklärt sie hier. Abgerundet wird unser Corona-Paket durch einen Essay von Nina Brnada. Sie erklärt hier, wieso wir mit Impfverweigerern anders reden müssen.

Ende Oktober habe ich den Schriftsteller Daniel Kehlmann in Berlin besucht. Früher schrieb der Weltstar gelegentlich Rezensionen für den Falter. Ein Gespräch mit Kehlmann ist immer erfreulich, nicht nur weil er erzählt, wie er etwa den Roman Tyll recherchierte (etwa durch Lektüre des famosen Buches "Theater des Schreckens" über die Hinrichtungsrituale der Neuzeit). Kehlmann erwähnte auch en passant, dass er ein Gespräch mit einem anderen Weltstar führen werde: mit Ai Weiwei im Theater Berliner Ensemble. "Dürfen wir es aufzeichnen und drucken?", fragte ich Kehlmann. Wenn Ai es will, gerne, sagte Kehlmann. Er wollte. Das Gespräch lesen Sie hier. Die Rezension der lesenswerten Autobiografie von Ai Weiwei finden Sie hier. 

Der Rechercheplattform Dossier ist es zu verdanken, dass die intransparente Inseratenpolitik der Stadt Wien endlich offengelegt wird. Barbara Tóth und Armin Thurnher erklären hier, was der Stadt vorgeworfen wird und wieso wir endlich eine andere Medienpolitik brauchen.

Wurden die Belastungszeugen im Prozess gegen den Produzenten des Ibizavideos für ihre Aussagen bezahlt? Und wenn ja, von wem? Lukas Matzinger hat die vergangene Woche beim Prozess gegen Julian Hessenthaler, den Produzenten des Ibiza-Videos, verbracht. Dort entwickelten sich die Zeugen zum Alptraum der Anklage: Sie widersprechen einander laufend. Was das mit dem Glücksspielkonzern Novomatic zu tun hat, beschreibt Matzinger in diesem Video. Die Details können Sie in seiner Reportage nachlesen.

Was geht, wenn nichts mehr geht? Ein Ausflug beispielsweise: FalterWanderWart Klaus Nüchtern startet seine neue Serie "Lockdown-Spaziergang" mit einer Erkundung von Gerasdorf. Wer dieser Tage lieber auf der Couch bleibt, bekommt von unserem TV-Serien-Experten Michael Pekler die Streaming-Hits des Jahres präsentiert und das Phänomen "Squid Game" erklärt. Damit nicht genug der bewegten Bilder: Das Wiener Menschenrechts-Filmfestival This Human World findet von 6. bis 12. Dezember online statt, Sabina Zeithammer empfiehlt Highlights des umfangreichen Programms. Barbara Fuchs und Sara Schausberger wiederum haben eine Reihe guter Tipps für bildschirmfreie urbane Kinderaktivitäten im Lockdown, und der Vorarlberger Fotograf Miro Kuzmanovic zeigt in der Fotostrecke "Leuchtkasten" Erinnerungen an das ehemalige Jugoslawien.

Wenn Sie dieses Maily direkt nach Versand um 19h lesen, klicken Sie sich doch gleich weiter zum Wiener Stadtgespräch, organisiert von FALTER und Arbeiterkammer. Die Gründerin des Momentum Instituts, Barbara Blaha, spricht dort gerade über neue politische Ansätze für Demokratie und Klima. Wenn Sie das Maily zu einem späteren Zeitpunkt lesen, machen Sie sich nichts daraus. Das Gespräch wird aufgezeichnet und ist demnächst online verfügbar. In der Zwischenzeit können Sie hier auch unser jüngstes Interview mit Blaha nachlesen.

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