Ein Nachruf auf Sebastian Kurz - FALTER.maily #685

Barbara Tóth
Versendet am 02.12.2021

Werden wir Sebastian Kurz vermissen? Gegenfrage: Haben Sie ihn in den letzten drei Wochen vermisst? Oder ging es Ihnen so wie mir. Mit Verwunderung registrierte ich, dass ich ihn weder persönlich noch professionell vermisse. Und dass es vielen anderen offenbar auch so geht. Freund:innen, die sich für Politik nur am Rande interessieren. Und Kolleg:innen, die nur milde lächelten über die paar Versuche der türkis-nahen Blätter, ein Comeback herbeizuschreiben.

Das ist bemerkenswert, schließlich drehte sich in den letzten fünf Jahren fast alles in Österreichs veröffentlichter Meinung um ihn. Wo viel Licht, da auch viel Schatten. Im Falter haben wir, aus Prinzip, wie bei seinen Vor- und Nachgängern auch, stets kritische Distanz zum türkisen "Wunderkind" gewahrt – und in den schattigen Ecken routinemäßig genauer hingeschaut. Josef Redl war den frisierten Wahlkampfkosten auf der Spur, Florian Klenk den aufgeföhnten Umfragen. Und dem Masterplan dahinter, der türkisen "Operation Ballhausplatz", recherchierte ich hinterher.

Und jetzt? Wie groß die Zäsur ist, die Kurz' Abgang für Österreichs Politik, vor allem für seine Partei, die ÖVP, bedeutet, realisieren viele gerade erst. Die ÖVP steht wieder dort, wo sie vor fünf Jahren war, als sie sich Kurz ausgeliefert hat. Irgendwo bei 20 Prozent, geführt von einem Partikularinteressen verfolgenden Landeshauptleutekollektiv.

Kurz’ Aufstieg und Fall sollte allen Parteien eine Warnung dafür sein, was passiert, wenn konservative Parteien sich einem rechtspopulistischen Anführer unterordnen. Wenn Sie diese Frage im Detail interessiert, können Sie gerne meine Analyse dazu hier nachlesen: "Was bleibt von Sebastian Kurz?"

Die Chance auf eine Mehrheit links der Mitte in Österreich aus SPÖ, Grünen und Neos war seit den 1970er-Jahren jedenfalls nicht mehr so groß wie gerade eben. Neuwahlen sind noch wahrscheinlicher geworden.

Wissen Sie, was ich manchmal vermisse? Die gediegene Langeweile der guten alten Großen Koalition.

Barbara Tóth

Wie hat Sebastian Kurz die ÖVP und die heimische Innenpolitik geprägt? Und wie wird sein Abgang die politische Landschaft verändern? Ich bin heute um 21:15 beim Runden Tisch auf ORF 2 zu Gast, um über die Folgen des Abgangs von Sebastian Kurz zu sprechen. Ich freue mich auf eine spannende Diskussion mit Paul Ronzheimer ("Bild"-Zeitung und Kurz-Biograf), dem Politologen Fritz Plasser, Kurier-Chefredakteurin Martina Salomon und Christian Rainer vom profil.

Und FALTER-Chefredakteur Florian Klenk ist ab 20:15 bei "Pro und Contra" auf Puls24 gemeinsam mit Christina Aumayr, Michel Jungwirth und Eva Schütz zu sehen. Das wird bestimmt ein spannender Fernsehabend heute, schalten Sie ein!

Vor dem Fall kommt der Aufstieg. Und der verlief im Fall von Sebastian Kurz beinahe so rasant und spektakulär wie sein Absturz. Nina Horaczek und ich haben das Phänomen Kurz in diesem Buch beleuchtet.

"Es lebe der Widerspruch" steht auf dem schönen Buch, das 300 Fotos aus 40 Jahren FALTER und einen Abriss der Geschichte unserer Zeitung sammelt. Dass dieses Motto keine leere Worthülse ist, beweisen nicht zuletzt diese beiden Interviews aus dem aktuellen FALTER: Hier spricht sich die deutsche Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim für eine Impfpflicht aus. Der Verhaltensökonom Gerhard Fehr hält sie hingegen für gar keine gute Idee und meint, man hätte die Bevölkerung mit intelligenteren Methoden in den Impfbus locken müssen.

Viele von uns werden heuer mit Impfskeptikern unterm Weihnachtsbaum sitzen. Denn diese sind, wie Sie auch in diesem Podcast nachhören können, quer durch die gesamte Gesellschaft verstreut und nicht nur irgendwelche fremden Nazis und Narren. Um sie zu erreichen, sollten wir ihnen besser zuhören, argumentiert Nina Brnada in ihrem Kommentar und plädiert für mehr Mut zur Uneindeutigkeit.

Haben Sie schon alle Weihnachtsgeschenke beisammen? Natürlich nicht, wer hat das schon. Unser Tipp: Bei "Hilfe, Geschenke" können Sie nicht nur Tombola-Lose für den guten Zweck erstehen (alle Erlöse gehen an das Wiener Integrationshaus), sondern sich auch inspirieren lassen. Praktisch oder?

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