Das größte politische Talent seit Kreisky - FALTER.maily #687

Lukas Matzinger
Versendet am 05.12.2021

"Worauf dieses Land bauen kann und wird" (Krone-Kolumnist Michael Jeannée), "der unbeteiligte Beobachter kommt aus dem Staunen nicht hinaus" (Kleine-Zeitung-Vizechef Michael Jungwirth), "eigentlich ein Wunder, dass er sich das alles antut" (Kurier-Chefredakteurin Martina Salomon), "Sebastian Kurz erinnert mich an mich" (Profil-Herausgeber Christian Rainer).

Nach vier türkisen Jahren ist festzuhalten: Sebastian Kurz war auch eine selbsterfüllende Prophezeiung des österreichischen Politikjournalismus. Jeder Blender braucht ihm erlegene Augen, und die hat der junge Staatssekretär und Außenminister Kurz nicht nur im Boulevard gefunden.

Fast alle Zeitungen hatten damals den Daumen über den "Stillstand" großer Koalitionen gesenkt, sich in den neuen "Hoffnungsträger" verschaut und ihn so oft "größtes politisches Talent seit Kreisky" genannt, bis die Leute es geglaubt haben.

Ob ein Politiker gut ist, bemisst sich in Österreich nur danach, wie viele Menschen er dazu bringt, ihn zu wählen. Wie er das genau anstellt, wem er dann Macht gibt und welche Reformen er durchsetzt, fällt aus der Wertung, solange er "Strahlkraft" und eine "Erzählung" hat und in Interviews eine "gute Figur" macht. Haltungsnoten haben nichts mit Haltung zu tun.

Das "größte politische Talent seit Kreisky" hat jedenfalls seine Kabinette mit Sprechpuppen besetzt, Herbert Kickl zum Innenminister und Regierungsumbauten zur Routine gemacht und die Pandemie nie geregelt bekommen. Als größte Errungenschaften werden das vorübergehende Versiegen von Fluchtrouten und ein Geldgeschenk für Arterhalter (Familienbonus) in Erinnerung bleiben.

Die Superlative sind heute als Irrtümer revidiert, wenn Kurz nicht mehr beliebt ist, kann er auch nicht mehr talentiert sein. Das Profil hält fest, "wie wenig Substanz sein politisches Wollen gehabt hatte", die Kleine Zeitung beklagt "die unerträgliche türkise Erzählung", der Kurier gesteht ein, Kurz habe "große Visionen fürs Land vermissen lassen".

Die Hymne ist wirklich abgesungen, wenn einem nur noch Michael Jeannée Stilblüten nachwirft: "Ein gnadenloser Überholer. Ein Sieger. Ein Niki Lauda der Politik.“ (Kronen Zeitung, 3.12.2021)

Ihr Lukas Matzinger

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