Von der Romantik bis zum Totimpfstoff - FALTER.maily #697

Nina Horaczek
Versendet am 16.12.2021

In den vergangenen Tagen bin ich mit meinen Kollegen Anna Jikhareva von der Schweizer WOZ und Christian Jakob von der deutschen taz der Frage nachgegangen, wieso die deutschsprachigen Länder die niedrigsten Impfquoten in Westeuropa haben – Deutschland liegt derzeit bei 69,8 %, Österreich bei 68,6 % und die Schweiz bei 66,2 % doppelt Geimpften.

Wir haben auf unsere Frage keine eindeutige Antwort gefunden. Aber eine Vielzahl unterschiedlicher Erklärungsansätze. Da sind zum einen jene, die Woche für Woche gegen die Impfung auf die Straße gehen, nicht selten aus einer esoterischen Ecke kommend. "Vom Frauen-Hexen-Jahreskreis über die spirituellen Heiler bis hin zu den Schamanen ist das eine Riesenszene in Österreich, die sich schon vor Corona sehr stark Verschwörungstheorien zugewandt und radikalisiert hat", sagt die Psychologin Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen im aktuellen Falter.

Aber nicht alle der laut Austrian Corona Panel etwa 15 % Nicht-Impfbereiten in Österreich zieht es auf die Straßen. Besonders ungern lassen sich laut dem Politikforscher Christoph Hofinger, der das Institut Sora leitet, in Österreich junge Frauen impfen. Unterschiede gibt es im Bildungsstand. Unter jüngeren Frauen ohne Matura ist die strikte Impfablehnung etwa drei Mal so hoch wie bei älteren Frauen mit Matura. Zu den zentralen Gründen zählen das Gefühl, die Impfung wirke nicht, eine Befürchtung, die durch Meldungen von geimpften Covid-Intensivpatienten verstärkt wurde. Dabei zeigen Daten aus Wien klar, dass die große Mehrheit der Covid-Intensivpatienten keinen Impfschutz hatte.

Bei jungen Frauen kommt noch eine Fertilitätsangst hinzu, weil zahlreiche Gerüchte in sozialen Medien – ohne Faktenbasis - behaupteten, dass geimpfte Frauen nicht mehr schwanger werden können.

Aber abseits aktueller Gründe: Gibt es historische Ursachen dafür, dass in deutschsprachigen Ländern so vergleichsweise ungern geimpft wird?

Der deutsche Journalist Andreas Speit, der dazu kürzlich ein Buch veröffentlichte, sieht im deutschsprachigen Raum eine klare geistesgeschichtliche Linie zwischen der Romantik und der heutigen Impfskepsis. Durch die Hinwendung zur Romantik sei das Natürliche verklärt worden. Aus Sorge vor der Urbanisierung und dem Kapitalismus, aus ökologischen Bedenken gegen die Moderne sei eine Sehnsucht nach der Wiederherstellung des Einklangs von Natur und Mensch entstanden. "In diesem Kontext wurde das Judentum als vermeintlich falscher Glaube angefeindet, die Moderne und die Schulmedizin als ,jüdisch' angegriffen", sagt Speit.

"Im Zusammenhang mit Impfungen haben antisemitische Stereotype eine lange Geschichte", sagt auch der deutsche Historiker Malte Thiessen: das Impfen als "Verschwörung einer Elite, die in den Körper eingreift".

Die "gute Natur" versus die böse, weil "verjudete", Schulmedizin, dieses Bild prägten dann auch die Nationalsozialisten. Reichsärzteführer Gerhard Wagner betonte 1933 im Deutschen Ärzteblatt die "häufige Überlegenheit" der Alternativmedizin. Im Jahr 1933 zeigt ein Sonderdruck des Nazi-Propagandablattes Der Stürmer eine Karikatur einer blonden Mutter, die ein Baby auf ihrem Arm hält. Daneben steht ein "naturferner und verirrter Mediziner" mit einer Spritze in der Hand, bereit, das Kleinkind zu impfen. Mit der übertrieben gezeichneten Hakennase des Arztes erfüllt die Karikatur klar antisemitische Klischees. Die Mutter blickt den Mediziner skeptisch an: "So ist mir sonderbar zumut - Gift und Jud tut selten gut."

Die Soziologin Nadine Frei von der Universität Basel, die die Proteste gegen die Coronamaßnahmen in der Schweiz und Deutschland über Monate untersucht hat, stellt wiederum eine "anthroposophisch-esoterische Ablehnung von Impfungen" fest. In einer aktuellen Studie im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung kommen Frei und der Soziologe Oliver Nachtwey zum Schluss, dass der westdeutsche Protest gegen die Covid-Maßnahmen auf der Straße vorwiegend ein "akademischer Mittelschichtsprotest" sei. In Ostdeutschland, etwa in Sachsen, ist der Impf-Widerstand hingegen von der extremen Rechten angeführt.

Bei der Impfskepsis zeigt sich in Europa hingegen eine ganz andere Klassendimension, wie eine Untersuchung der Max-Planck-Gesellschaft in 27 europäischen Staaten und Israel belegt: "Nahezu 30 % der Personen, die angaben, nur ,mit großen Schwierigkeiten' über die Runden zu kommen, waren unentschlossen oder lehnten die Impfung ab, während es bei denjenigen, die angaben, ,leicht' über die Runden zu kommen, nur 7,8 % waren." 

Derzeit sind in Österreich alle Befürworter und etwa die Hälfte der Impfskeptiker geimpft, aber so gut wie keine Impfgegner. Was es bräuchte, um doch noch mehr Menschen speziell aus der Gruppe der Skeptiker zum Impfen zu bewegen, sind laut Forscher Hofinger auf der einen Seite Gespräche mit Vertrauenspersonen, mit empathischen Autoritäten. "Zum anderen braucht es auch neue Informationen, die es diesen Menschen ermöglichen können, ihre Meinung zu ändern ohne einen Gesichtsverlust zu riskieren", meint er. Etwa indem man einen Impfstoff wie etwa einen Totimpfstoff anbietet, der Impfskeptikern sicherer erscheint. Denn noch im November 2021 gaben 34 % der Nicht-Geimpften bei einer Befragung keine ideologischen Gründe für die Impfablehnung an. Sondern meinten, dass sie auf die Zulassung eines Totimpfstoffs warten.

Haben Sie einen schönen Abend!

Nina Horaczek

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