Sepp Forcher 1930–2021 - FALTER.maily #700

Matthias Dusini
Versendet am 20.12.2021

Das mit Geranien geschmückte Bauernhaus und die stilisierte Sonne auf dem Fußabstreifer ließen Schlimmes vermuten. Wohnte hier ein sentimentaler Nostalgiker in der Tradition österreichischer Heimatschunkler? Forcher führte mich in die nach Zirbenholz duftende Stube. Das Gespräch im Jahr 2014 in einem Salzburger Vorort wurde zu einer meiner beglückendsten journalistischen Begegnungen.

Durch die Fernsehsendung "Klingendes Österreich" war Forcher, Jg. 1930, einem breiteren Publikum als Slow-Motion-Moderator bekannt. In einfachen Sätzen stellte er Landstriche und Volksmusiken vor, eine klischeehafte Inszenierung, die diesem außergewöhnlichen Menschen nicht gerecht wurde.

Die Zeitungen waren im Sommer 2014 voll mit Geschichten über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Forcher hatte gerade die große Monografie des Historikers Christopher Clark gelesen, der in "Die Schlafwandler" die Ursachen für den Großen Krieg neu bewertete. Wohlwollend nahm Forcher zur Kenntnis, dass Clark milde über den Anteil des österreichischen Kaisers urteilte. Er selbst kannte den Krieg aus den Erzählungen seiner Großväter, die beide an der Dolomitenfront kämpften. Seine Kindheit im Südtiroler Sexten-Tal, dessen Geschichte zwischen Kaiserreich und Faschismus der Publizist Claus Gatterer so tiefgründig beschrieben hat, prägte den Blickwinkel, von dem aus Forcher die Welt betrachtete.

Als Optanten-Kind (1939 mussten sich die deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler zwischen dem faschistischen Italien und dem NS-Reich entscheiden) erfuhr er Entwurzelung und Fremdheit am eigenen Leib. Wenn er von Heimat sprach, dachte er den Missbrauch dieses Begriffs immer mit. Die Lügen Kurt Waldheims oder die Demagogie Jörg Haiders nahm er persönlich, denn sie liefen seinem hurrafreien Patriotismus zuwider. Wenn er vom Volk sprach, dachte er an die eigenen Entbehrungen nach dem Krieg und eine aus der Not geborenen Anpassung: „Man muss das verstehen. Wenn die kleinen Leute zwischen die Mahlsteine der Politik und der Religionen geraten, bleibt nur das Durchwurschteln.“ Sein Feindbild war „die Lug“, die Lüge, die er auch im volkstümlichen Schlager eines Andreas Gabalier ausmachte.

Je mehr Forcher erzählte, umso kleinlauter wurde ich. Er berichtete von der Knochenarbeit, die er als junger Mann in den Bergen übernahm und von den Besuchen im Roten Wien, dessen Gemeindewohnungen ihm wie ein Wunder erschienen. Seine Ausbildung endete mit der Volksschule. Im Selbststudium sog er den Kanon auf, Adalbert Stifter und Robert Musil. In in die Reden von Karl Kraus hörte er ebenso hinein wie in die klangliche Farbenvielfalt der Dialekte. Er war ein Vermittler zwischen Stadt und Land und Identitätspolitiker im besten Sinne, ein „linksliberaler Traditionalist“, wie er sich selbst bezeichnete.

Seit 1956 war Sepp Forcher mit seiner Frau Helene verheiratet, die mit ihm auf den Schutzhütten arbeitete, ehe der Gatte Mitte Fünfzig zum TV-Star wurde. Am 28. November ist Helene Forcher gestorben, am 19. Dezember Sepp Forcher, zwei Tage nach seinem 91. Geburtstag.

Mein Gespräch mit Sepp Forcher wurde von der Redaktion freigeschaltet. Sie finden es hier.

Ihr Matthias Dusini

Armin Thurnher hat seine heutige Seuchenkolumne ebenfalls Sepp Forcher gewidmet. Forcher, so Thurnher, sei wie er selbst ein "paradoxer Patriot" gewesen: Jemand, der das mögliche Österreich liebt, nicht jenes, das existiert.

Das Österreich, das existiert, lässt uns auch knapp vor Weihnachten in puncto Skandale keine Verschnaufpause: Heute früh fanden Razzien in der Finanz satt. Der Verdacht: Thomas Schmid könnte in seiner Zeit im Finanzministerium dem MAN-Investor Siegfried Wolf 630.000 Euro Steuerschuld erlassen haben. Hier lesen Sie die Recherche von Eva Konzett.

Bis in die Fachwelt hinein fehle es an einer Vorstellung davon, wie eine Straße heute aussehen könnte, schreibt der Stadtplaner Johannes Fiedler in seinem Gastkommentar für den FALTER. Eine Straße, die Anbindung bietet, Mobilität vielseitig denkt und dabei klimapolitisch vertretbar ist. Dieses Defizit wird in der Debatte um die sogenannte "Stadtstraße" im Osten der Wiener Donaustadt derzeit besonders drastisch sichtbar.

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