Empfehlung - FALTER.maily #704

Stefanie Panzenböck
Versendet am 10.01.2022

Eine der angenehmen Seiten des Journalistinnendaseins ist es, Menschen mit eindrucksvollen Biografien über ihr Leben befragen zu dürfen. Dieses Glück hatte ich gleich zu Jahresbeginn. Die große Journalistin, Autorin und ehemalige Osteuropa-Korrespondentin des ORF, Barbara Coudenhove-Kalergi, wird am kommenden Samstag 90. Es war also Zeit für ein Interview.

Zur Vorbereitung des Gesprächs, das Sie ab morgen im E-Paper und ab übermorgen im gedruckten Falter lesen können, nahm ich Coudenhove-Kalergis Biografie zur Hand, die 2013 im Zsolnay Verlag erschienen ist. Dieses Buch möchte ich Ihnen heute empfehlen.

Es beginnt mit einer vermeintlichen Rückkehr. In den frühen 1960ern besucht Coudenhove-Kalergi ihre Geburtsstadt Prag. Zum ersten Mal seit dem Jahr 1945 steht sie wieder vor ihrem Elternhaus. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurden sie und ihre Familie als Deutsche aus der Stadt vertrieben.

Coudenhove-Kalergi späht durch den Zaun, läutet aber nicht an. Was würde wohl geschehen, wenn sie es doch täte?

Die Autorin, 1932 geboren, geht viele Schritte zurück und erzählt von ihrer Kindheit in Prag als Mitglied einer böhmischen Adelsfamilie und von ihren Vorfahren, etwa der japanischen Großmutter Mitsuko, deren Leben in ihrer Heimat wie das von Kaiserin Sisi verklärt wird.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Der Zweite Weltkrieg beginnt, und Barbara hört nun, dass sie sich als Deutsche in der Tschechoslowakei in "Feindesland" befände. Sie kommt in die Hitlerjugend und in der zweiten Klasse sind ihre jüdischen Freundinnen und Freunde plötzlich verschwunden.

Im Mai 1945 klopft es an der Tür. Mitglieder des tschechischen Nationalausschusses fordern die Familie auf, mitzukommen. Alle Deutschen, egal ob Nazis oder nicht, sollen das Land verlassen.

Nach Wochen der Flucht erreicht die Familie Coudenhove-Kalergi den Salzburger Lungau, wo sie vorerst bleibt.

Barbara Coudenhove-Kalergi beginnt ihre Karriere als Journalistin in Wien, berichtet ab Mitte der 1970er-Jahre als ORF-Korrespondentin aus Osteuropa. Sie erlebt den Aufstand gegen das kommunistische Regime in der Danziger Leninwerft, sie ist dabei, als die Berliner Mauer fällt und die Sanfte Revolution in der Tschechoslowakei das Ende der kommunistischen Diktatur bedeutet.  

Die Biografie erzählt von großen Dingen, ganz frei von Pathos. Eindrücklich, aber nie aufdringlich, sachlich und gleichzeitig aufregend, sodass es schwerfällt, das Buch aus der Hand zu legen.

Viel Vergnügen bei der Lektüre wünscht

Stefanie Panzenböck

Falls Sie noch Zeit haben: Mein Kollege Gerhard Stöger und ich haben vor Weihnachten die Wiener Kabarettistin, Schauspielerin und Autorin Dolores Schmidinger interviewt. Sie feierte ihren 75. Geburtstag und hat zudem ein neues Buch veröffentlicht. Es wurde ein ungewöhnliches Gespräch über Sehnsucht, Sex und den Sinn des Lebens. Zu hören auch im Falter-Podcast.

Ein Interview, das ganz ohne Anlass auskam, war jenes mit der Schauspielerin Erni Mangold im vergangenen Jahr. Wir sprachen über das Reisen, Helmut Qualtinger und warum sie nie ängstlich war: "Es hat ja keinen Sinn gehabt. In einer Situation, die eh gefährlich war, sich zu fürchten, finde ich ja ganz beschissen blöd. Das habe ich nie verstanden."

Was schön ist: Neben tagesaktuellen Themen ist im FALTER-Radio immer auch genug Platz für tiefer gehende Gedanken und Fragestellungen. Aktuell zu hören etwa ein Vortrag des Historikers Philipp Ther über die Wurzeln des Rechtspopulismus in Mitteleuropa sowie eine Diskussion über die Besonderheiten des US-Amerikanischen Kapitalismus zwischen Trump, Biden und Sanders.

Im FALTER Think-Tank startete heute die Serie "Agenda 2032": Expertinnen und Experten imaginieren darin den Zustand der Welt, der Gesellschaft und der Wissenschaft in zehn Jahren – als Utopie, Dystopie oder irgendwas dazwischen. Den Anfang machen die Philosophin Lisz Hirn (über Alternativen zum Fleischkonsum), die Ökonomin Ulrike Famira Mülberger (über den drohenden Pflegenotstand) und Felix Pinkert (über Solidarität.)

Im Falter Verlag ist derzeit ein spannender Posten ausgeschrieben: Gesucht wird eine Person, die im engen Austausch mit der Geschäftsführung Projekte durchführt und leitet. Wer eine große Affinität für Zahlen und Digitales mitbringt, ist klar im Vorteil. Mehr Details finden Sie hier.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!