Sehr geehrter Herr Redl MSc! - FALTER.maily #708

Josef Redl
Versendet am 14.01.2022

Vom Urlaub zurückgekommen, hat mich ein RSb-Brief erwartet – und das bedeutet selten etwas Gutes. Ich war also einigermaßen erleichtert, als ich gelesen habe, dass er von der Statistik Austria kommt. Ich wurde zur Teilnahme an der Mikrozensus-Befragung ausgewählt. In regelmäßigen Abständen rücken die Mitarbeiter der Statistik Austria mit Fragebögen aus und sammeln Daten aus der Bevölkerung.

Ich kann Fragebögen eigentlich nicht ausstehen, aber aus irgendeinem Grund habe ich mich gefreut. Man kann das schon auch als Eindringen in die Privatsphäre verstehen, dass ein fremder Mensch zu einem nach Hause kommt und alle möglichen Fragen stellt. Für mich war es eine willkommene Abwechslung im Home Office.

Die Frau von der Statistik Austria war äußerst sympathisch, wir haben zwischen den Mikrozensus-Fragen auch ein wenig über dies und das geplaudert. Alles war gut, bis die Frage nach meiner höchsten abgeschlossenen Ausbildung und meinem akademischen Titel gekommen ist.

Es ist nämlich so: Ich weiß nicht genau, was für einen Titel ich habe. Vor vielen Jahren habe ich eine Institution namens "Europäische Journalismus Akademie" in Wien besucht. Die hat nach nur zwei Jahrgängen wegen Finanzierungsproblemen für immer zugesperrt.

Als Absolvent habe ich eine Urkunde mit dem Titel "Master" bekommen, allerdings mit einer gravierenden Einschränkung. Eigentlich, so erklärte der Lehrgangsleiter damals, hätte es ein Bachelor-Titel sein sollen. Aber damals, zu Beginn der Nullerjahre, gab es noch Probleme bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses zur Vereinheitlichung von akademischen Titeln in Europa. Der mir verliehene Master-Titel sollte später in einen Bachelor umgewandelt werden. Nur fühlte sich dafür niemand zuständig, nachdem die Europäische Journalismus Akademie zu gesperrt hatte.

Für derlei Zweifel hatte der Fragebogen der Statistik Austria keinerlei Verständnis. Am Tag nach dem Mikrozensus-Besuch erhielt ich ein E-Mail. "Statistik Austria sagt Danke" stand im Betreff. Die Anrede lautete "Sehr geehrter Herr Redl MSc!"

Seitdem lebe ich in ständiger Angst, als Betrüger enttarnt zu werden.

Josef Redl

Die große österreichische Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi wird 90. Warum sie Österreich nach ihrer Flucht aus Prag als provinziell empfand und sie sich bis heute für Geflüchtete einsetzt, lesen Sie in diesem Interview, das Stefanie Panzenböck für den aktuellen FALTER mit ihr geführt hat. Ab morgen Früh gibt es das Gespräch auch im FALTER-Radio nachzuhören!

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat gemeinsam mit Umwelt-NGOs den "Pestizid-Atlas" veröffentlicht und in Wien und Berlin vorgestellt. Der Bericht weist unter anderem auf den Zusammenhang zwischen Artensterben und Pflanzenschutzmitteln hin. Die hiesige Landwirtschaftskammer protestierte laut und bezeichnet Ausschnitte der Publikation als "geschäftsschädigend" für hart arbeitende Bäuerinnen und Bauern in Österreich. Gerlinde Pölsler zeichnet den Konflikt im aktuellen Natur-Newsletter nach und erzählt nebenbei vom traurigen Ableben einer hochdekorierten Ratte.

Ottolenghi schön und gut, aber ehrlicherweise hat man nicht immer Muse, 17 Stunden lang für ein Abendessen in der Küche zu stehen. Probieren Sie alternativ einmal Hanna Guglers Nudelsalat. Der geht nicht nur ungleich schneller, sondern kann auch mit drei verschiedenen Käsesorten aufwarten. Sorry Yotam, aber das ist Comfort Food Deluxe!

Frau Andrea Maria Dusl hilft in ihrer dieswöchigen Kolumne einem Wahlwiener aus Bremen aus, der sich nach einigen Jahren in Wien als sprachlich sattelfest empfand, dann aber von einem in der Straßenbahn aufgeschnappten "I glaub deswoahüwahabs..." aus der Bahn geworfen wurde. Die Auflösung finden Sie hier.

Liebe FALTER.maily Leser*innen

Unser Stück Das weiße Dorf von Teresa Dopler hat nicht nur den Standard überzeugt.

Dopler erfasst die Dilemmata europäischer Privilegierter in unangestrengten Dialogen und in aller Schärfe. Die Schauspieler meistern das glänzend, ihre Bewegungen und Gesichter sind spannendes Falschspielerterrain
. Der Standard

Die Autorin durfte sich 2019 auch über den Autor*innenpreis Heidelberger Stückemarkt freuen.

Stimmen Sie gerne in den Beifall ein.

17. Jänner – 5. Februar 2022, Di-Sa um 20 Uhr, Karten gibt's hier.


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