Willkommen in Bockshornhausen - FALTER.maily #709

Armin Thurnher
Versendet am 16.01.2022

 Die Regierung hat sich von sich selbst in Bockshorn jagen lassen und das Projekt „Impfpflicht“ durchgezogen, bei dem sie ganz offensichtlich Bauchweh hat. Bundeskanzler Nehammer ist bei seinem ersten wesentlichen Gesetzesvorhaben einer Horuck-Initiative der Landeshauptleute gefolgt, die seinen Amtsvorgänger Schallenberg und den Gesundheitsminister Mückstein in die Ankündigung einer Impfpflicht trieben, weil etwas „g’schehn muass“.

Und jetzt ließ man sich vom selbstgesetzten Termin 1. Februar ins Bockshorn jagen. Man hatte das Gefühl, würde man den nicht einhalten, würde das als Schwäche ausgelegt. Das Gegenteil ist der Fall. Die öffentliche Ankündigung einer Regierung, sie habe sich geirrt oder sie habe die nötigen Vorbereitungen unterschätzt und trete deshalb von ihrem Vorhaben zurück, wäre in ihrer Ehrlichkeit verblüffend gewesen und wäre ihr nicht zu ihrem Nachteil ausgelegt worden.

Aber Politik besteht hierzulande im Schielen darauf, was vielleicht eine öffentliche Reaktion sein könnte, womit sie die gewünschte öffentliche Reaktion garantiert verfehlt (außer sie nimmt soviel Geld in die Hand und trickst wie Türkis).

Das Unternehmen Impfpflicht kommt mir vor wie ein politischer Knieschuss. Die bängliche Präsentation des Gesetzes deutet darauf hin, dass das auch den handelnden Personen bewusst sein dürfte. Enthusiasmus sieht anders aus. Vizekanzler Werner Kogler wollte sich dabei offenbar nicht erwischen lassen, so fehlten dem virologischen Quartett die wolkig-barocken rhetorischen Auszierungen.

Damit wir uns richtig verstehen: Impfen tut not! Nur eine geimpfte Bevölkerung erspart uns schlimmere Folgen der Pandemie. Aber wenn man die Impfquote steigern und nicht zugleich die Agenda des Herbert Kickl, seiner rechtsextremen Freunde und der schwurblerinnenverführten Normalbürgerinnen betreiben will, gäbe es bessere Lösungen als dem Volk den eigenen Dilettantismus offensiv zu offenbaren.

Ich kenne das Wort von der „lex imperfecta“, an dem sich juristische Feinspitze delektieren. Es besagt, man verhängt ein Gesetz, exekutiert aber nicht die Strafen bei Nichtbeachtung. Nebeneffekt: einige Vaterln und Muatterln lassen sich ins Bockshorn jagen und gehen zur Impfung. Dieser Effekt dürfte sich in Grenzen halten.

Hingegen ist der Effekt, dass die Regierung nicht einmal ihre eigenen Agenturen fragt, ob sie die nötigen Daten zur Überwachung des nicht unkomplizierten Vorhabens managen können, bedauerlich.

Die beste Möglichkeit, die Impfquote zu steigern, haben die Kurzisten aus reinem machterthaltendem Opportunismus vergeigt. Entweder haben sie wegen Regionalwahlen ihre Aktivitäten eingestellt oder sie waren nicht imstande oder willens, das Nötige zu tun, sprich, auf lokaler Ebene mit aller Macht überzeugend fürs Impfen zu werben.

Der Ökonom Stefan Schulmeister schlägt eine sehr gute zweitbeste Lösung vor: „Es wäre einfach: Ungeimpfte müssen einen etwas höheren Beitrag zur Krankenversicherung leisten, etwa um einen Prozentpunkt. Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen würden dann nicht 3,87% ihres Bruttolohns bezahlen, sondern 4,87%. Wer lediglich 1.500 € verdient, muss pro Monat um 15€ mehr zahlen, Bestverdienende (über der Höchstbeitragsgrundlage) um 56 € mehr. Damit würde ein ökonomischer Anreiz zum Impfen geschaffen, aber eben nicht als Strafe, sondern als finanzieller Ausgleich dafür, dass Ungeimpfte höhere Kosten im Gesundheitssystem verursachen. Klar, die radikalen Impfgegner leugnen auch dies, es gibt aber viele Menschen, die dieses Faktum anerkennen, sich aber dennoch nicht impfen lassen wollen.“

Warum das Einfache machen, wenn man sich kompliziert ins Bockshorn jagen lassen kann?

Ich wünsche Ihnen trotzdem eine schöne Woche.

Armin Thurnher

Die Pandemie geht weiter, an Seuchen herrscht kein Mangel. Epidemiologe Robert Zangerle wird kommende Woche wieder zu lesen sein, ebenso wie der Beginn einer Fastenkur des Kolumnisten. Seien Sie kosten- und folgenlos dabei!

Ich durfte zwei Stunden mit Petra Herczeg-Rosenberg und Rainer Rosenberg sprechen. Sie haben ein Ö1-„Menschenbild“ daraus gemacht in dem ich nicht nur über mein Leben, sondern über das Schreiben, den Falter und den Journalismus reden darf. 

Falter im TV (Auswahl): Florian Klenk bei der ORF-Runde der Chefredakteure, das war überfällig, und natürlich machte er seine Sache glänzend. Mit Krawatte! Ich durfte wieder einmal bei Meinrad Knapp diskutieren (ohne Krawatte), was immer Freude macht. Nina Horacek hat auf Puls24 eine Kickl-Rede analysiert.

Ein sehr feines Interview hat Stefanie Panzenböck mit Barbara Coudenhove-Kalergi gemacht. Die verehrungswürdige linke aristokratische Journalistin wurde 90.

Aus Anlass der Djokovic-Affäre gibt es bei Raimund Löw ein historisches Gustostückerl. Der ehemalige ORF-General und Ex-Sportchef Teddy Podgorski erinnert sich, wie Österreich 1972 gegen den Ausschluss des Schistars Karl Schranz von den Olympischen Spielen in Sapporo massenhaft protestierte. Podgorski bezeichnet die Machtdemonstration seines Vorgängers Gerd Bacher heute als ein „Bubenstück“.

16.1.: HERMANN’s Tipp des Tages

Kinder, die sich auf gesundes Essen stürzen?

Selbstverständlich, solange das „Gesunde“ die richtige Form hat: zum Beispiel Kräuterseitlinge, verpackt als panierte Taler!

Die vegetarischen Produkte von HERMANN sind aus selbstgezüchteten Kräuterseitlingen, Reis, Hühnerei, Öl und Gewürzen – alles in Bio-Qualität, mit ganz viel Biss und Geschmack.

www.hermann.bio


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!