Geheimwaffe Vulkan - FALTER.maily #714

Katharina Kropshofer
Versendet am 21.01.2022

Als letzte Woche der Vulkan Hunga Tonga Hunga Ha'apai – ich weiß, ein toller Name – vor dem südpazifischen Inselstaat Tonga ausbrach, blieb das natürlich nicht unbemerkt. Satellitenvideos zeigen, wie sich die Druckwelle in extremer Geschwindigkeit ausbreitet, Helikopteraufnahmen, wie manche Dörfer nun unter Asche liegen. Die Tsunamiwarnungen gingen bis an die Küsten der USA. Wahrscheinlich wurde der Tsunami nicht direkt von der Explosion ausgelöst. Sondern erst vom ausgespuckten, zurückfallenden Gestein, das das Wasser rundherum verdrängte. 

Falls Sie sich jetzt denken: "Und was hat das bitte mit meinem Leben in Österreich zu tun?”, lade ich Sie ein, mit mir in die nerdy Tiefen der Erdwissenschaften einzutauchen.

Sie wissen es wahrscheinlich schon. Aber wir stecken in einer großen Krise: Nein, ich meine nicht Corona. Ich rede von der Klimakrise, die diese Woche wieder mal für etliche Horrornachrichten gesorgt hat (im aktuellen FALTER haben mein Kollege Benedikt Narodoslawsky und ich übrigens mit ein paar der neu ausgewählten Bürger-Klimarät:innen gesprochen). Für einen Moment brachte der Vulkanausbruch Hoffnung: Solche Eruptionen emittieren nämlich Schwefeldioxid. Das verschmutzt zwar die Luft und führt zu saurem Regen, kühlt aber auch, weil es in der Atmosphäre Sulfatpartikel bildet, die einen Teil der Sonnenstrahlung reflektieren.

Das letzte Mal fanden Forscher diesen Effekt 1991, als Mount Pinatubo in den Philippinen 20 Millionen Tonnen Gas in die Atmosphäre brachte – und die Erde so für zwei Jahre um 0,5 Grad Celsius kühlte. Noch spektakulärer ging es beim indonesischen Vulkan Krakatau zu: Da sorgte ein Ausbruch am 27. August 1883 dafür, dass die ganze Welt unter einer Nebeldecke lag. Die Detonation war 10.000 bis 100.000-mal so stark wie die Hiroshima-Atombombe. Ein Fun Fact: Der rote Himmel auf Edvard Munchs berühmten Gemälde "Der Schrei" soll auf die weltweit veränderte Färbung des Himmels zurückführbar sein. 

Das Gas schoss auch in Tonga weit genug in die Atmosphäre, dass es dort einen kühlenden Effekt auslösen könnte. Betonung auf könnte: Vulkane sind aber leider keine Geheimwaffe gegen die Klimakrise. Der Ausbruch von Hunga dürfte gerade mal zwei Prozent der Menge an Schwefeldioxid von Pinatubo ausgestoßen haben. Bei Weitem nicht genug, um bei der fortschreitenden Erderwärmung einen Unterschied zu machen. Die Methode wird aber auch für sogenanntes Geoengineering in Erwägung gezogen, also gezielte Änderungen in der Atmosphäre, die im Kampf gegen die Klimakrise helfen könnten. Doch die Kritik daran ist mindestens gleich groß wie das Interesse. 

Trotz allem war ein wenig Begeisterung unter Forscher:innen spürbar: Noch nie zuvor konnte man eine solche Eruption mit modernen Instrumenten messen. Auch Wissenschafter:innen der NASA frohlockten ein wenig (natürlich nicht im Angesicht der Folgen für die Inselbewohner:innen). Der Vulkanausbruch helfe zu verstehen, wie sich Merkmale auf der Oberfläche des Mars und der Venus bildeten. Man könne studieren, wie Wasser und Lava interagieren. 

Falls Sie diesen Satz noch lesen, heißt das hoffentlich, dass Sie mir zustimmen: Die Ereignisse in fernen Gegenden der Erde und die Zusammenhänge zu weit entfernten Sternen und Planeten sind faszinierend.

Katharina Kropshofer

Für die Nerds empfehle ich zum Thema Vulkane eine Folge meines Lieblingspodcasts Radiolab. Denn wenn Sie denken 2021 war schlimm, haben Sie noch nie vom Jahr 536 nach Christus gehört. Glauben Sie mir, es das war wirklich "The Worst Year ever", wie die Episode heißt.

Apropos Radio: Der legendäre Jugendsender FM4 hat seit Kurzem eine neue Chefin. Wer um die Jahrtausendwende in Österreich den Fernseher aufgedreht oder Klatschspalten gelesen hat, kommt an "der Dodo" nicht vorbei, schreibt meine Kollegin Anna Goldenberg. Sie hat die Neue, Doroteja Gradištanac, in der aktuellen Ausgabe des Falter porträtiert.

Mit 25 Minuten Verspätung startete gestern um 16:30 Uhr eine Lufthansa-Maschine von München Richtung San Francisco. In diesem Flugzeug saß die 4-jährige Diana, die gegen den Willen ihrer Mutter von Wien nach Deutschland gebracht und von dort in die USA rückgeführt wurde. Wie es so weit kommen konnte, lesen Sie im FALTER.morgen.


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