Fair Pay und die ersten Millionen - FALTER.maily #720

Stefanie Panzenböck
Versendet am 28.01.2022

Wieder einmal hat es eine Studie bestätigt: Künstlerinnen und Künstler werden in Österreich schlecht bezahlt. Und zwar jene, die der freien Szene angehören, also abseits der staatlichen Institutionen agieren. "Wir sind im Durchschnitt 21 Prozent der Personalkosten von einer Fair-Pay-Situation entfernt", sagte die Staatssekretärin für Kunst und Kultur, Andrea Mayer (Grüne), gestern bei einer Pressekonferenz. Festgestellt hat dies das Marktforschungsinstitut Gallup.

Das Kulturministerium hatte die Studie in Auftrag gegeben. 200 Institutionen, Vereine und Kunstschaffende haben teilgenommen. Das sind nicht viele. Das Ergebnis kann also maximal Anhaltspunkte liefern.

Der Unterschied zu früheren Erhebungen ist jedoch wesentlich: Nun geschieht etwas.

Vor eineinhalb Jahren startete der Bund gemeinsam mit den Ländern und Interessensgemeinschaften der unterschiedlichen Kunstsparten (IG) einen Fairness-Prozess. Das Ziel: gerechte Bezahlung und Arbeitsbedingungen für Künstlerinnen und Künstler zu schaffen. Im Herbst vergangenen Jahres wurde ein Symposium veranstaltet, das die Bandbreite der Themen, die es zu bearbeiten gilt, abbildete. Es ging unter anderem um eine Vertrauensstelle gegen Machtmissbrauch oder mehr Diversität in Produktionsteams.  

Nun folgt der erste konkrete Schritt. Der Bund will seinen Anteil am Fair-Pay-Gap, also der Kluft zwischen Ist und Soll, ausgleichen. Dafür wurden zuerst die Gesamtbudgets aller Institutionen, die vom Bund gefördert werden, zusammengerechnet und daraus dann der durchschnittliche Beitrag des Bundes zu diesen Budgets festgestellt. Der gesamte Fair-Pay-Gap beläuft sich jährlich, so die Studie, auf 25 Millionen Euro. Der Anteil des Bundes daran beträgt 26 Prozent, also 6,5 Millionen Euro. Diese Summe will das Kulturministerium bereits im Jahr 2022 aus dem laufenden Budget zur Verfügung stellen, unabhängig davon, ob andere Fördergeber auch mitmachen. Für die verbleibenden 74 Prozent des Fair-Pay-Gap sind Länder, Gemeinden und Städte verantwortlich.

Jene Institutionen, Vereine und Kunstschaffenden, die in ihrem Umfeld eine faire Bezahlung ermöglichen wollen, müssen in ihrem Förderantrag ein Fair-Pay-Konzept beilegen. Wird das Geld nicht für diesen Zweck verwendet werden, drohen jedoch keine Strafen. Das Ministerium wolle keine Fair-Pay-Polizei sein, sagte Mayer. Kontrollen werde es aber geben.

Wie genau die Auszahlung der ersten Fair-Pay-Millionen vonstatten gehen soll, ist noch nicht klar. Eine Fokusgruppe, bestehend aus Vertreter:innen des Bundes, der Länder, Gemeinden, Städte und IGs, die ihre Arbeit Ende Februar startet, sollte diese Rahmenbedingungen klären. Das komme allerdings viel zu spät, sagt Gabriele Gerbasits von der IG Kultur, da die Fördergelder bereits jetzt verteilt würden und die Expertise der Interessenvertretungen nicht mehr einfließen könne.

Gerbasits initiierte schon vor zehn Jahren eine Kampagne zum Thema. Der IG Kultur ist es auch zu verdanken, dass es eine Grundlage dafür gibt, was faire Bezahlung überhaupt sein soll. Sie erstellte ein Gehaltsschema, das sich an jenem der Gewerkschaft für Privatangestellte für Vereine orientiert. Gerbasits' Kritikpunkt: Es sei nicht klar, wie die Auszahlung evaluiert oder kontrolliert werde. Die Rahmenbedingungen hätten schon viel früher ausgearbeitet werden müssen. Dem stimmt auch Thomas Randisek vom Dachverband.Kultur.Salzburg zu. Salzburg war schon letztes Jahr vorgeprescht. Land und freie Szene hatten gemeinsam einen Fair-Pay-Prozess in Gang gesetzt, der mit 1. Jänner 2022 begonnen hat. Mittlerweile wurden schon mit 40 Institutionen Fördervereinbarungen zu den neuen Bedingungen abgeschlossen.

Ulrike Kuner von der IG Freie Theaterarbeit ist vorsichtig optimistisch, weist aber darauf hin, dass es neben dem Geld auch noch andere wichtige Themen gebe. Nicht nur "die direkte monetäre und sozialversicherungsrechtliche Besserstellung der Künstler:innen" sei wichtig, sondern auch "faire strukturelle Leistungen der Häuser und Organisationen".  

Fair Pay ist bisher nur eines der Förderkriterien des Bundes. Das bedeutet, dass Institutionen, die gerechte Bezahlung gewährleisten, eher Förderungen bekommen als jene, die das nicht tun. Verpflichtend ist Fair Pay jedoch nicht. Das sollte sich schnell ändern.

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Stefanie Panzenböck

Das Feuilleton widmet sich diese Woche dem braunen Erbe in Museen. Die Milliardärin und Kunstsammlerin Heidi Horten gab ein Gutachten in Auftrag, das die Rolle ihres Mannes, von dem ihr Vermögen stammt, in der NS-Zeit klären soll. Matthias Dusini hat aufgeschrieben, was davon zu halten ist. Klaus Nüchtern besuchte eine Ausstellung zur NS-Kulturpolitik im Wien Museum und ich eine weitere im Haus der Geschichte Österreich, "Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum".

Michael Omasta stellt im Rahmen des Schwerpunkts den Film "Der schönste Tag" von Fabian Eder vor. Es geht um die neue Österreich-Ausstellung im KZ Auschwitz. Wenn Sie das Maily schon um 19 Uhr gelesen haben und in der Nähe des Stadtkinos wohnen, können Sie noch eine Vorführung der Doku um 19:30 Uhr besuchen. Tickets gibt es hier. Danach findet eine Podiumsdiskussion mit Doron Rabinovici und dem Regisseur statt. Die Moderation übernimmt meine Kollegin Nina Horaczek. Sonst haben Sie auch in den nächsten Tagen noch Gelegenheit, den Film zu sehen.

Wie Klimakrise und Korruption zusammenhängen, beschreibt Benedikt Narodoslawsky im aktuellen Natur-Newsletter. Und ja, es geht auch ein bisschen um die dieser Tage viel diskutierten Pfaue und Delfine.

Ab morgen, Samstag, hören Sie im FALTER-Radio das Gespräch, das Barbara Tóth mit dem Digitalguru Viktor Mayer-Schönberger (Oxford Internet Institute) geführt hat. Ein kleiner Teaser: Es geht um die Grenzen der Künstlichen Intelligenz und sein neues Buch "Framers". Wenn Sie es nicht erwarten können, können Sie das Interview jetzt auch schon hier nachlesen.


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