Die Poetische Korrespondenz - FALTER.maily #721

Armin Thurnher
Versendet am 30.01.2022

Kürzlich kam ich einmal in der Süddeutschen Zeitung vor. „Als die Pandemie ausbrach, soziale Kontakte weniger wurden und in manchen Wohnungen die große Einsamkeit einzog, begannen die beiden eher unwahrscheinlichen Briefpartner Claus Pándi, Chefredakteur der Salzburg-Krone, und Armin Thurnher, Herausgeber des Falter, einander – und damit allen, die ihnen auf Twitter folgen – Gedichte zu schicken. Zum Nachdenken, zum Aufmuntern.“ Das schrieb die kenntnisreiche Österreich-Korrespondentin Cathrin Kahlweit, um von dort zum schönen Schein überzuleiten, der in Österreich noch immer des Wichtigste sei. Fern sei mir, ihr darin zu widersprechen.

Ich möchte einmal ein Wort zu meinem Poesie-Brieffreund sagen. Mit „eher unwahrscheinlich“ meinte Kahlweit, dass einer wie ich, dessen politisch-publizistischer Gegner jahrzehntelang die Kronen Zeitung war, doch nicht einfach täglich mit einem Mitarbeiter derselben Gedichte auf Twitter austauschen und einem durchaus interessierten Publikum anbieten könne. Zumal die Kronen Zeitung noch immer in gewisser Weise Gegnerin ist: mit dieser Abschwächung vor allem deswegen, weil mittlerweile andere, mächtigere und gefährliche pubizistische Gegner aufgetreten sind.

Ich meine die großen Tech-Konzerne, mit denen alle hierzulande bedenkenlos Partnerschaften abschließen. Vom Krebsforschungslabor bis zur Nationalbibliothek meinen sie, ohne diese Partnerschaften gar nicht mehr existieren zu können. Alle verkaufen wir unsere Seele an Google, und viel zu billig. Aber als Zentralorgan der Gegenaufklärung in Österreich (Franz Schuh), als heimliche Regierungsmacht, die sich die Heimlichkeit auch noch mit Millionen informeller Presseförderung entlohnen lässt, bleibt die Krone ein zentrales österreichisches Problem. Doch das steht auf einem anderen Blatt.

Die Tech-Konzerne haben Bedingungen geschaffen, die unser Leben vergiften. Unter dem Vorwand, uns miteinander zu verbinden, uns harmlose Plattformen zu bieten, wo jeder sein könne, wie er sein wolle, haben sie es geschafft, das Schlimmste aus uns hervorzulocken – Desinformation, Lüge, Verleumdung, Wut, Narzissmus, Verlust jeder Manieren. Sie haben also aus uns herausgelockt, wie wir sind, wenn wir am schlimmsten sind: Sie ziehen den dünnen Firnis der Zivilisation von uns ab wie eine Haut und machen damit prima Geschäfte.

Insofern ist mein Austausch mit Pándi, den ich persönlich nur flüchtig kenne, ein Versuch, sich mitten im Digitalen, auf Twitter, gegen diese Mechanismen zu stemmen. Statt uns zu befetzen oder mit Häme zu übergießen (was gelegentlich, Gott sei’s geklagt, auch in der unschuldigen Ära der Printmedien vorgekommen sein soll), tauschen wir Gedichte, lassen Politik außen vor und tun etwas, das die meisten auf Social Media nicht schaffen: wir benehmen uns zivilisiert und halten uns auch in allem anderen zurück.

Und warum Poesie? Gewiss nicht aus Spaß oder um Aufmerksamkeit zu heischen. Gedichte interessieren doch keinen Menschen. Das stimmt und stimmt überhaupt nicht. Es gibt so viele Gründe, Gedichte zu lesen oder zu hören. Einen der triftigsten hat der Nobelpreisträger Lyriker und Essayist Joseph Brodsky genannt. Nur mit Gedichten, die meist kurz sind, weil sie die Welt in Sprachkristalle komprimieren, kann man noch einigermaßen einen Überblick über die Weltliteratur gewinnen. Mit Romanen wäre das allein des Umfangs wegen unmöglich. Wer Lyrik liest, kann kein Nationalist sein, denn im nationalen Rahmen wäre man zu schnell damit fertig.

Lyrik zu lesen, öffnet den Blick für die Welt, zeigt das Große im Kleinen und schafft Empfindlichkeit für Vielfalt. Vom groben Spottreim bis zur epischen Erzählung, von der anspruchsvollsten Form zum einfachen Lied reicht das Spektrum.

Mehr noch: Lyrik schafft das, was wir jetzt brauchen. Nicht Rückzugs-, sondern Freiräume. Räume, in denen man noch halbwegs unversehrt von der digitalen Weltseuche existieren kann. Oder zumindest so tun kann als ob.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche.

Armin Thurnher

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