Das Leben zwingen - FALTER.maily #722

Stefanie Panzenböck
Versendet am 31.01.2022

Wie kann nach dem Holocaust Verständigung möglich sein? Der Jewish Welcome Service Vienna bemüht sich seit über 40 Jahre darum. Im Dezember 1980 vom Wiener Bürgermeister Leopold Gratz, dem Stadtrat Heinz Nittel (beide SPÖ) und dem Publizisten Leon Zelman gegründet, nahm die Non-Profit-Organisation Ende des Jahres 1981 ihre Arbeit auf. Zelman leitete sie drei Jahrzehnte lang. Nach seinem Tod im Jahr 2007 übernahm Susanne Trauneck das Generalsekretariat.

Es ging von Anfang an darum, Jüdinnen und Juden, die während der Herrschaft der Nationalsozialisten aus Wien vertrieben worden waren, in ihre alte Heimat einzuladen, ihnen zu zeigen, dass sich die Stadt zum Positiven verändert hatte. "Viele Juden, die der Meinung gewesen waren, sie würden nie mehr hierher zurückkehren, dachten nun doch daran. Wenigstens um die Gräber zu besuchen", schrieb Zelman in seiner Autobiografie "Ein Leben nach dem Überleben", die er gemeinsam mit Falter-Herausgeber Armin Thurnher verfasste. "Es bedurfte einer Stelle, die sich um diese Menschen kümmerte. Und Wien brauchte eine glaubwürdige Person, die sich dieser besonderen Gäste annahm. (…) Ich stürzte mich auf meine neue Aufgabe." Mit der Zeit richtete sich das Angebot des Jewish Welcome Service auch verstärkt an die Nachkommen der Überlebenden, die die Geburtsstadt ihrer Eltern und Großeltern kennenlernen sollten.

Größere Feierlichkeiten zum 40-jährigen Jubiläum konnten aufgrund der Corona-Pandemie bisher nicht stattfinden. Im November 2021 haben ORF III und W24 die Doku "40 Jahre Jewish Welcome Service. Erinnern – Begegnen – Verstehen" ausgestrahlt. Zudem hat die Organisation eine Broschüre herausgegeben, die direkt beim Jewish Welcome Service (JWS) bestellt werden kann. Im Mai dieses Jahres soll seit 2019 endlich wieder eine größere Gruppe von Überlebenden, deren Kinder und Enkel Wien besuchen. Besonderes Augenmerk legt das JWS im Jubiläumsjahr mit "Vienna Trips" auf die junge Generation. Es gab in kürzester Zeit mehr als 50 Anmeldungen.

Der Film "Erinnern - Begegnen - Verstehen" ist eine einfühlsame Reise durch 40 Jahre Versöhnungsarbeit. Zuvor ruft er jedoch die vielen berühmten Jüdinnen und Juden in Erinnerung, die Wien geprägt haben, wie der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, der Schöpfer der österreichischen Verfassung Hans Kelsen oder die Kernphysikerin Lise Meitner. Und er zeigt, dass die antisemitischen Aktionen nach dem "Anschluss" in Wien besonders grausam waren. 

Die Doku bietet auch ein Porträt des Gründers des JWS, Leon Zelman, 1928 in Szczekociny in Polen geboren. Mit seiner Familie wurde er im Jahr 1940 ins Ghetto Łódź verschleppt, 1944 mit seinem Bruder ins KZ Auschwitz, danach ins KZ Ebensee, ein Außenlager von Mauthausen. Dort erlebte Zelman am 6. Mai 1945 die Befreiung durch US-amerikanische Soldaten. Nach langen Krankenhausaufenthalten kehrte Zelman nach Wien zurück. Eines Tages spazierte er durch die Stadt: "Eine jähe Lust stieg in mir auf“, ist in seiner Autobiografie nachzulesen, „das Leben zu zwingen. Es hier in Wien zu zwingen. Hier an diesem Platz sprang mich der Appetit an, mir zurückzuholen, was man mir sechs Jahre lang genommen hatte."

Zelman studierte Publizistik, war Mitbegründer der Jüdischen Hochschülerschaft und arbeitete für das Österreichische Verkehrsbüro als Experte für Reisen nach Israel. Das Verkehrsbüro unterstützte später den JWS in seiner Arbeit.

Zelman gab nicht auf, an Verständigung und Versöhnung zwischen Österreich und Israel zu arbeiten, doch er gab sich keinen Illusionen hin. Antisemitismus war im Österreich der Zweiten Republik präsent.

Auch die Überlebenden und deren Nachkommen, die der Einladung des JWS folgten – bisher waren es rund 4000 Menschen -, kamen mit gemischten Gefühlen. Sie freuten sich über die herzliche Aufnahme und das reichhaltige Kulturprogramm. Doch niemals kann vergeben und vergessen werden, was ihnen in ihrer Kindheit und Jugend widerfahren war.  

Gerade heute, im Jubiläumsjahr des JWS, zeigt sich Wien zum Teil von seiner düsteren Seite, wie es auch der aktuelle Umsetzungsbericht der Nationalen Strategie gegen Antisemitismus dokumentiert. Impfgegner:innen ziehen mit gelben Sternen durch die Straßen, auf denen "ungeimpft" steht, verharmlosen den Holocaust oder brüllen antisemitische Parolen. Die Israelitische Kultusgemeinde warnt ihre Mitglieder davor, an Tagen, an denen diese Demonstrationen stattfinden, auf die Straße zu gehen.

"Nicht jeder Antisemitismus muss zur Shoa führen", sagt Leon-Zelman-Preisträger Robert Streibel im Film "Erinnern – Begegnen - Verstehen". "Aber klar ist, dass am Beginn der Shoah der Antisemitismus gestanden ist."   

Ihre Stefanie Panzenböck

Seine Erinnerungen an die Treffen und Zusammenarbeit mit Leon Zelman erinnerte sich Armin Thurnher in einer seiner jüngeren Kolumnen. Hier können Sie sie nachlesen.

Die am Wochenende aufgetauchten "Sideletter" sind bestimmt nicht an Ihnen vorübergegangen (falls doch, können Sie hier oder hier nachlesen). Die Sache brachte unseren Kolumnisten Harry Bergmann jedenfalls zur Vermutung, dass die pandemiebedingte Aufforderung zum Händewaschen von der Politik missverstanden wurde und diese just "Eine Hand wäscht die andere" daraus machte. Mehr dazu hier.

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