Catch-22 - FALTER.maily #726

Katharina Kropshofer
Versendet am 04.02.2022

Es war schwierig, es nicht mitzubekommen: Dienstag Früh räumte die Stadt Wien das Donaustädter Protestcamp gegen die Stadtstraße bei der Baustelle Hausfeldstraße. 

Seither rollen Bagger über das eingezäunte Gelände (wie meine Kollegin Soraya Pechtl im FALTER.morgen schreibt). Die Straßenbauer wollen die Zeit aufholen, die sie laut eigenen Angaben durch die Besetzung verloren haben. Die Aktivistinnen und Aktivisten sind - wenig überraschend - aufgebracht, sprechen bereits von neuen Besetzungen. 

2050 werden 6,3 Milliarden Menschen in Städten wohnen – 3,5 Milliarden mehr als noch 2010. Wien ist bereits um Graz gewachsen und wird sich nochmal um Linz erweitern, sagte mir kürzlich ein Stadtplaner (mehr dazu lesen Sie in der nächsten FALTER-Ausgabe). Wie können wir es also schaffen, sozialverträgliche Städte zu bauen, die gleichzeitig auf lebensnotwendige Biodiversität und vor allem auch auf die Klimakrise Rücksicht nehmen? 

Ein kleiner Exkurs: 

In drei Monaten startet die UN-Biodiversitätskonferenz in Kunming, China. Dort sollen neue Biodiversitätsziele beschlossen werden, die Länder dazu bringen sollen, bis 2050 "im Einklang mit der Natur zu leben". 

Fun Fact: Aus dem Vorgängerentschluss (den 20 Aichi-Zielen, die 2010 in Nagoya, Japan beschlossen wurden) wurde kein einziges bis zur gesetzten Frist 2020 eingehalten: kein ausreichendes Rückzugsgebiet für Fische und andere Wasserlebewesen, keine in Schach gehaltene Umweltverschmutzung. 

Dass auch wir Menschen auf die Funktionen einer intakten Umwelt angewiesen sind, ist klar. 

75 Prozent der Ernten brauchen entsprechende Bestäuber.

75 Prozent des Süßwassers, das wir für unsere Landwirtschaft aber auch im täglichen Leben brauchen, kommt aus Wassereinzugsgebieten von gesunden Wäldern.

Und mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Natur. 

Die Lage ist seit der letzten Biodiversitätskonferenz nur dramatischer geworden. Eines der neu vorgeschlagenen Ziele ist deshalb der Schutz von mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresfläche bis 2030. Wie das genau aussehen soll, wird gerade heiß diskutiert. Sollen etwa abgeschiedene Schutzgebiete errichtet werden, zu denen der Mensch kaum Zutritt hat? Oder doch Nationalparks ausgeweitet werden, die auch einen Bildungsauftrag haben und somit Führungen und Exkursionen anbieten? 

Eines ist klar: So einfach ist das alles nicht. 

Würden 30 Prozent der globalen Landfläche unter strikten Naturschutz gestellt werden, so wie es im Entwurf steht, könnte das die Ernährungssicherheit in weiten Teilen der Welt gefährden. Das berechnen Forscherinnen und Forscher der Universität Edinburgh im Fachjournal Nature Sustainability

Sinkende Biodiversität bedroht unsere Lebensgrundlage: weniger Insekten, die unsere Nahrungsmittel bestäuben, weniger Wälder, die als CO2-Senken agieren, ins Wanken geratende Ökosysteme mit unklaren Folgen. Aber mehr (und in diesem Fall vor allem strikte) Naturschutzgebiete, also Biodiversitäts-Hotspots, können laut den Forschungsergebnissen auch negative Auswirkungen haben. Ein Catch-22.

Was also tun? 

Wir brauchen in Zukunft nicht nur strikte Wildnisgebiete, die Entwicklung nachhaltiger Agrartechnologien (um Nahrung für eine wachsende Erdbevölkerung mit weniger Ackerfläche zu produzieren), weniger Lebensmittelverschwendung und einen großflächigen Umstieg auf pflanzenbasierte Ernährung.

Wir müssen uns auch überlegen, wie wir unsere Städte, dicht besiedelte Gegenden, naturinklusiver machen. Was ich – und viele Expertinnen und Experten – damit meinen? Eine Städteplanung, die sich an Schlüsselarten orientiert, also das Überleben wichtiger Arten abseits des Menschen in der Planung von Häusern, Straßen, Parks miteinbezieht. 

Nein, das ist kein hippieskes Hirngespinst: Im Londoner Elephant Park wurden mit Hilfe eines sogenannten "wildlife-inclusive urban design" Wohnungen für 3000 Leute gebaut. Rundherum und dazwischen liegt ein 8.000 Quadratmeter großer Park, Jobs für 6.000 Leute gibt es obendrauf. Das Besondere? Die Häuser wurden als Klippen oder Steinfronten konzipiert, an denen Vögel leichter sitzen, jagen und leben können. Also verwendeten die Architekten poröseres Material und integrierten Flächen für Nester und Unterschlüpfe. 

Schon jetzt gibt es in Wien 1.490 Pflanzenarten – in ganz Vorarlberg (das viel weniger dicht bebaut und sechsmal so groß ist) gibt es 1.683. In Belgien findet man 50 Prozent der Flora in Brüssel, 65 Prozent der Vogelarten Polens leben in Warschau, manche neue Arten sind erst in Städten evolviert.

Wir brauchen also vielleicht nicht nur strikte (und gut durchdachte) Schutzgebiete, in denen wir die Biodiversität vor dem Menschen verstecken können. Wir brauchen Städte, die nicht nur für Milliarden Homo sapiens sondern auch Milliarden von Tieren, Pflanzen, und Pilzen geplant wurde. Keine Zwickmühle, versprochen.

Ihre Katharina Kropshofer

Der niederländische Stadtökologe Menno Schilthuizen ist der Experte für Evolution in Städten. Wie eine solche, von vielen Spezies belebte Stadt, ausschauen kann, erzählt er in seinem TED Talk. Interessant – und unterhaltsam!

Wie es aussieht, wenn Tiere in der Stadt Menschen dienlich sind, zeigte ein schwedisches Start-Up. Sie trainierten Krähen, Zigarettenstummel vom Boden aufzuheben. Für jeden Tschick bekamen sie aus der eigens entwickelten Maschine ein bisschen Futter. Sklavenarbeit oder schlaue Kooperation?

Im aktuellen FALTER.natur-Newsletter erfahren Sie nicht nur, warum die Regierung beim Klimaschutzgesetz noch immer säumig ist und was getan werden kann, um den Prozess zu beschleunigen. Sie bekommen auch Zugang zu einem faszinierenden Video, in dem sich Wale, Haie und Vögel zusammentun, um gemeinsam einen Fischschwarm zu verspeisen.

Apropos Tiere: Diese waren in den letzten Wochen nicht nur auf den Straßen der Stadt und in den Naturparks des Landes viel gesehener Gast. Sondern auch in der Politik. Gemeint sind natürlich die publik gewordenen Studien der Markt"forscherin" Sabine Beinschab. Falls Sie eine umfassende und sehr hilfreiche Einordnung zu Pfau, Eichhörnchen und Co. lesen wollen, empfehle ich Ihnen den Longread von Florian Klenk und Josef Redl.

In der neuesten Episode des FALTER-Podcasts ist eine der wenigen weiblichen Führungskräfte der österreichischen Polizei zu Gast. Brigadier Xenia Zauner ist Einsatzleiterin der Wiener Polizei und spricht mit Florian Klenk und Martin Staudinger über den Umgang mit den Anti-Corona-Demonstrationen, wie sich Frauen in der Exekutive fühlen und was sie über Fernsehkrimis denkt. 


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