Schwindelkunst - FALTER.maily #732

Matthias Dusini
Versendet am 11.02.2022

Alles nur Schwindel. Unlängst gab der britische Künstler Damien Hirst bekannt, dass er beim Verkauf seines Werks "For the Love of God" gelogen hat. Hirst hatte 2007 einen mit Diamanten übersäten Totenschädel angefertigt und dann bekannt gegeben, dass die in der Produktion angeblich 18 Millionen Euro teure Skulptur um 75 Millionen Euro verkauft wurde. Stimmt nicht, gibt der Künstler nun zu, der Schädel hat den Tresor nie verlassen.

"For the Love of God" war dennoch eine unbezahlbar gute Story. Kommentatoren dachten über die Exzesse des Kunstmarktes nach, über Geld und Vergänglichkeit. Einige verspürten sogar ein Moment der Erhabenheit, als sie den die Vorstellungskraft sprengenden Preis hörten. In PR-Seminaren ist der Coup ein Klassiker. Es geht bei der Vermarktung nicht nur um die Qualität des Produkts, sondern um die Geschichte, die damit erzählt wird.

Luxusfirmen wie Louis Vuitton laden mit der Mär vom alten Koffermacher, der die Reisenden der Belle Époque ausstattete, ihre Marke auf. Jedes Berghotel braucht eine spannende Legende, deren faktische Richtigkeit nebensächlich ist. Wer macht sich schon die Mühe nachzufragen, ob etwa, wie auf einer Homepage zu lesen, die Urgroßmutter des Hoteliers tatsächlich den Skisport nach Österreich brachte. 

Eine fette Geschichte kommt derzeit aus dem Internet. Sammlerinnen und Sammler stürzen sich auf NFTs (non-fungible tokens). Das sind digitale Objekte, für die der Käufer online ein Bildchen bekommt. Das ebenfalls digital verbriefte Eigentumsrecht macht das NFT einzigartig und damit begehrenswert. Berichte von Auktionsrekorden machen die immateriellen Kunstwerke populär und werfen die Frage auf, die bereits 2007 anlässlich von Hirsts Diamanten wortreich beantwortet wurde. Verwandelt sich die Kunst in ein reines Spekulationsobjekt? 

Auch Museen steigen in den Hype ein. Wie meine Kollegin Nicole Scheyerer im aktuellen Falter berichtet, bietet das Wiener Belvedere sein berühmtestes Bild, Gustav Klimts "Kuss", in einer virtuellen Version zum Verkauf an. Das Abbild wird in 10.000 Einheiten unterteilt und als NFT vertrieben. Die Ausgabe erfolgt nächste Woche am Valentinstag. Ein Kuss für den Liebsten statt eines Goldketterls: Die Zeitungen stürzten sich auf die Geschichte, deren Ausgang ungewiss ist. Wie viel der möglichen 18,5 Millionen Euro kommen tatsächlich in die Museumskassa?

Die Storyteller haben Hochkonjunktur. So boten Wiener Museen im Herbst letzten Jahres Aktbilder auf der Porno-Plattform Only Fans an, um gegen die Zensur erotischer Kunst auf Facebook zu protestieren. Auch diese Geschichte ging um die Welt, ein Erfolg der städtischen Agentur Wien Tourismus, die diese Idee angeregt hatte. Wie viele User nun Akte von Schiele oder Klimt als Masturbationsvorlage verwenden, geht in der Begeisterung über den PR-Erfolg unter. 

Die folgende Anekdote der Blockchain-Firma Injective Protocol lässt sich schwer übertreffen. Die Unternehmer kauften unlängst einen Druck des Graffity-Künstlers Banksy um 95.000 Dollar. Dann verbrannten sie das Werk live auf Twitter und vercheckten das Filmchen als NFT. Der Preis betrug 380.000 Dollar. Wenn's wahr ist. 

Matthias Dusini

Wenn Sie jetzt über das Gelesene den Kopf schütteln, machen Sie gleich weiter: Denn wie dem FALTER exklusiv vorliegende geheime Justiz-Dokumente zeigen, wollte der mittlerweile suspendierte Justiz-Sektionschef Christian Pilnacek den Ibiza-Staatsanwalt observieren und die Handys seiner WKStA-Kollegen beschlagnahmen lassen.

Offenbar gingen die WKStA-Ermittler für Pilnaceks Geschmack zu forsch ans Werk, als sie die Handys von Politikern, Glückspielbossen und Spitzenbeamten beschlagnahmten, schnell auswerteten und erste Anklagen wegen Korruptionsverdachts verfassten. Mehr zu dieser innenpolitischen Bombe lesen Sie hier, wir haben den Artikel für Sie freigeschaltet.

Nicht minder verstörend ist die Geschichte von Julian Hessenthaler. Der ehemalige Privatdetektiv und Macher des Ibiza-Videos hat mit seinen Aufnahmen die türkis-blaue Regierung gestürzt. Nun steht er vor Gericht, aber nicht wegen des Videos, sondern weil er mit Kokain gehandelt haben soll. Menschenrechts-NGOs schlagen Alarm: Nicht nur, dass die Belastungszeugen sich gegenseitig widersprechen, sie wurden offenbar auch für Informationen bezahlt. Versucht jemand, Hessenthaler hinter Gitter zu bringen? Mehr lesen Sie hier, ein ausführliches Gespräch mit Lukas Matzinger und Florian Klenk dazu hören Sie morgen auch im FALTER-Podcast.

Das Landwirtschaftsministerium unter Elisabeth Köstinger (ÖVP) förderte "Land schafft Leben" im Vorjahr mit gut 760.000 Euro. Der Verein ist 2016 in der österreichischen Lebensmittelszene als neuer Player aufgetaucht – und hat sich durch seine offensiv-pointierte Öffentlichkeitsarbeit rasch etabliert. Laut Eigendefinition ist der Verein "unabhängig" und "unpolitisch"; dabei allerdings erstaunlich oft derselben Meinung wie das Ministerium, der Bauernbund und die Landwirtschaftskammer. Was der Vereinsobmann dazu sagt und was Umwelt-, Tier- oder Konsumentenschutzvereine an der Sache kritisieren, hat Gerlinde Pölsler für den FALTER.natur-Newsletter recherchiert und in diesem Longread aufgeschrieben.

Bei so viel ganz normalem Wahnsinn sollte man nicht auf die schönen Dinge im Leben vergessen: Zum Beispiel dieses prächtige Radiccio-Rotwein-Risotto von Nina Kaltenbrunner, diese Kolumne von Andrea Maria Dusl, in der Sie erfahren, warum Leute "auf der Nudelsuppe daherschwimmen", oder auch "Laurel Hell" das neue Album der japanisch-amerikanischen Künstlerin Mitski. Schönes Wochenende!


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