Sprachkurs Alte Musik - FALTER.maily #734

Stefanie Panzenböck
Versendet am 14.02.2022

Sitzen Sie auch bisweilen ratlos vor dem Radiogerät, wenn gerade wieder Monteverdi, Telemann oder Bach gespielt wird? Oder ein anderer Komponist der Barockzeit? Sie möchten sich gern einfühlen, aber es geht einfach nicht? Die Musik scheint sich Ihnen zu versperren. Das gilt vor allem für jene Menschen, die, wie ich absolute Laien sind. Aber nicht nur. Der Ö1-Podcast "Harnoncourts Klang-Reden" bietet nun sowohl musikalisch Gebildeten wie Ungebildeten die Möglichkeit, die Sprache der Alten Musik besser zu verstehen bzw. zu lernen.

Der Cellist Nikolaus Harnoncourt und seine Frau, die Violinistin Alice Harnoncourt, gründeten 1953 den Concentus Musicus Wien. Er leitete das Ensemble, sie war dessen langjährige Konzertmeisterin. Die Harnoncourts spezialisierten sich auf barocke und vorbarocke Werke und beschäftigten sich mit der historischen Aufführungspraxis. Sie gingen davon aus, dass man Musik vergangener Epochen am besten mit den Instrumenten der jeweiligen Zeit interpretiert und zudem ein tiefes Wissen über damalige Spieltechniken sowie die Funktionsweise von Musik haben sollte.

Nikolaus Harnoncourts Ausführungen dazu sind in seinem Buch "Musik als Klangrede" (Bärenreiter, 2001) nachzulesen - und nun auch nachzuhören. Durch Zufall erfuhr Alice Harnoncourt, heute 91, dass Radio Bremen 20 bis 30 Stunden unveröffentlichtes Tonmaterial aus den 1970er-Jahren im Nachlass eines Redakteurs gefunden hatte. Darauf ist ihr im Jahr 2016 verstorbener Mann bei Vorträgen, Workshops oder Podiumsdiskussionen zu hören. Sie entschied sich, obwohl selbst den Neuerungen des Internets abgeneigt, die Aufnahmen über einen Podcast zugänglich zu machen. Für diese Aufgabe fand sie in der Ö1-Kulturredakteurin Judith Hoffmann die perfekte Partnerin. In Harnoncourts Haus in St. Georgen im Attergau destillierten die beiden aus den vielen Stunden zehn Podcast-Folgen. Jeden Montag wird eine Weitere veröffentlicht, heute ging die Zweite auf Sendung.

Die erste Folge, "Mozarts musikalischer Bauer", widmete sich einer grundlegenden Definition des Begriffs "Klangrede". Die Musik im 17. und 18. Jahrhundert habe sich nämlich an der Sprache orientiert; die Grenze verlaufe irgendwo zwischen Mozart und Beethoven, sagt Harnoncourt. "Die Musik nachher malt. Arbeitet mit Stimmungen. Die muss man auch nicht verstehen, sondern man soll sie fühlen. Und die Musik vorher muss man verstehen. Das macht einen Unterschied." Musikstücke folgen der Rhetorik, dem Aufbau einer Rede (worüber die damaligen Zeitgenossinnen und -genossen Bescheid wussten). Deshalb erscheine uns Barockmusik als Fremd- oder Geheimsprache. Doch das dürfe sie nicht bleiben. "Was ist, wenn wir das Vokabular lernen?", fragt Harnoncourt. "Vielleicht ist es gar nicht so schwer."

Zugegeben, ist es doch. Dennoch bleibt es ein Genuss, den Kommentaren und Kontextualisierungen von Alice Harnoncourt und Judith Hoffmann zu lauschen und sich dann wieder mit Nikolaus Harnoncourt einen Schritt weiter in diesen besonderen Sprachkurs zu wagen.

Auch an Humor und provokanten Thesen mangelt es nicht, etwa "dass der Bauer zur Zeit Mozarts musikalischer war als der Musiker in unserer Zeit." Was Harnoncourt damit meint? Die Auflösung finden Sie in der ersten Folge. Am kommenden Montag erfahren Sie mehr darüber, wie viel die Musik über Politik und Machtordnungen erzählt.

Viele erhellende Momente wünscht Ihnen

Stefanie Panzenböck

Die Hausfrau gilt als Inbegriff des konservativen Familienmodells. Die deutsche Autorin Evke Rulffes erklärte Klaus Nüchtern, wie es dazu kam, und erzählt von Still-Nazis und dem Imperativ des selbstgebackenen Kuchens. Nachzulesen im aktuellen FALTER.

Musikalisch eingängiger, wenn auch nicht immer leicht verdaulich, sind die Stücke, die beim Protestsongcontest gespielt werden. Vergangenen Samstag fand der Wettbewerb zum 19. Mal statt. Die junge Wienerin IZRAA konnte die Jury mit ihrem Song "9. November" über die "Operation Luxor" überzeugen. Wie der Protestsongcontest zu dem wurde, was er heute ist, lesen Sie in der aktuellen FALTER:WOCHE.

Mehr als Pools, Popos und Pop-Art gibt es in der David Hockney-Schau zu sehen, schreibt Nicole Scheyerer über die erste Werkschau des britischen Künstlers hierzulande. Was Sie bei der Ausstellung im Kunstforum sonst noch erwartet, erfahren Sie hier.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!