Was sollen die Pülcher denken? - FALTER.maily #735

Florian Klenk
Versendet am 15.02.2022

In den vergangenen Tagen habe ich eine verstörende Geschichte über Christian Pilnacek und seinen Kampf gegen unbotmäßige Korruptionsermittler fertiggestellt. Sie zeigt, wie viel Courage, Glück und Nerven Korruptionsermittler heutzutage brauchen, um nicht selbst unter die Räder zu kommen. Und wie autoritär Vorgesetzte im System Justiz bisweilen denken und handeln, wenn sie sich "von unten", also von einfachen Staatsanwälten bedroht und kritisiert fühlen.

Ich glaube, das hat eine lange Tradition. Der Richter Oliver Scheiber hat über diese Unkultur der Unterordnung und der Zurechtweisung in der Justiz in seinem Buch sehr viel zu erzählen. Widerspruch "von unten" ist einem System, in dem die Instanz "oben" korrigierend eingreift, eben auch dann nicht erwünscht, wenn sie berechtigt ist. Das ist das Dilemma. Aber es gibt noch andere Gründe.

Vielleicht sollte ich Ihnen einmal verraten, wieso ich Journalist geworden bin und nicht Richter. Nach dem Jus-Studium hat mich dieser Job interessiert, ich habe Teile eines sogenannten Gerichtsjahres absolviert, das war 1997, eigentlich ist das noch gar nicht so lange her. Ich hatte mir gute Chancen ausgerechnet, ich war an der Uni ein Streber. Aber meine Erfolge an der Uni halfen mir nicht. Denn ich traf auf Richter Paul Weiser, den stockkonservativen Revisor des Bezirksgerichts Josefstadt, wo ich diente.

Weiser war ein sogenannter "Schreirichter" am "Grauen Haus", dem benachbarten Landesgericht. Das waren jene Richter, die mit alkoholgeröteter Nase Beschuldigte gerne einmal angeschrien haben, wenn diese nicht geständig waren. Und wenn Verteidiger zu lange plädierten, dann drohten die Schreirichter, dass die Strafe umso länger werde, je länger das Plädoyer brauche.

Es gab viele Schreirichter zu jener Zeit. Neben meinem Studium jobbte ich für den Kurier ein bisschen als Gerichtsreporter und habe sie noch kennengelernt. Richter J. etwa, der seine eigene Prostituierte vor Gericht stellte, weil sie ihm das Geld für ihre Leistung aus der Hand zupfte. Oder Richterin E., die zwei Polizeiopfer aus China zur Schnecke machte, der Fall war meine erste Reportage für den FALTER.

Es ging auch freundlich zu: unvergessen jene beiden Richter, die vier Polizisten mit bedingten Haftstrafen zurück in den Dienst schickten, nachdem sie Afrikaner getötet oder gefoltert hatten. Am Bezirksgericht Innere Stadt gab es eine junge Richterin, die Beschuldigte dann noch stehen ließ, als dies von der Strafprozessordnung verboten wurde. "Wir sind da ja nicht im Kaffeehaus", sagte sie zu dem gebeugten Taschendieb.

Ich schweife ab: Ich wollte Ihnen erzählen, wieso ich Journalist wurde. Das geschah auch deshalb, weil Hofrat Paul Weiser meine Karriere mit einer kleinen Bemerkung beendet hat. Ich war Schriftführer am Bezirksgericht Josefstadt, ich trug einen Zopf und ein giftgrünes Hemd. Und weil es draußen 30 Grad hatte, krempelte ich die Ärmel hoch. Ok, mein Outfit war nicht besonders stilsicher. Aber Weiser schaute mich mit grimmigem Blick an, strich sich durch seinen Bart und sagte zu meiner Ausbildungsrichterin: "Notieren Sie in den Akt des Kollegen, dass er für den Richterdienst ungeeignet ist".

"Bitte?", fragte ich Weiser.

"Weil Sie aufgekrempelte Ärmel haben. Wie sollen da die Pülcher Respekt vor dem Gericht bekommen? Sie sind bei uns nicht erwünscht."

Ich habe mir damals geschworen, diesen Moment nie zu vergessen. Dieses Schreien, dieses Runtermachen, dieses Zurechtweisen jener, die ein bisschen anders aussahen als der Hofrat Weiser. Das war auch symptomatisch für die Art und Weise, wie damals in der Justiz Personal ausgesucht wurde. Darum wundern mich auch die Akten nicht, die ich jetzt über die autoritäre Führungsetage, ihre cholerischen Anwandlungen und ihre Überwachungsphantasien lese. Die oben fühlen sich sicher. Das ändert sich gerade. Ich finde das richtig gut.

Ihr Florian Klenk

Droht Europa ein Krieg? Wird Putin wirklich in die Ukraine einmarschieren und was geschieht dann? Nina Brnada hat den Russland-Ukraine-Konflikt in einem großen Schwerpunkt zusammengefasst und erklärt. Stefanie Panzenböck traf die in Österreich lebende ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk und sprach mit ihr über ihre Angst vor Putin und die Zukunft ihrer Heimat.

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