Politischer Faschingsdienstag - FALTER.maily #739

Lukas Matzinger
Versendet am 20.02.2022

In eineinhalb Wochen ist Faschingsdienstag: schiefe Perücken, schlechte Persiflagen, schwankende Paraden. Die Narrensaison gab dem notleidenden Volk früher die Chance, sich einmal im Jahr vergnügt verkleidet über die Mächtigen lustig zu machen.

Heuer wird die Mitternachtssperrstunde noch keine Feiern auf Vorkrisenniveau erlauben. Zum Glück verfügen wir über umsichtige Mächtige, die sich in diesem tristen Fasching selbstlos über sich selbst lustig machen.

Österreichs Innenpolitik ist eine pointenreiche Dauerwerbesendung. Die Pointe ist der komische Schlusseffekt eines rhetorischen Ablaufs, wenn der Erzähler sein aufgebautes Szenario einer überraschenden Wende zuführt. In unserer Umfragendemokratie besteht die Pointe im Widerspruch zwischen dem, was Entscheider gerade als populär erachten, zu dem, was sie vor Monaten (oder Minuten) als populär erachteten.

Nach Faschings- und Deltawellenbeginn am 11.11. hatte Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) die bundesweite Impfpflicht ab Februar verkündet, geliefert wurde sie dann originellerweise mit dem Ende von 2G: Ungeimpfte dürfen zwar nicht mehr ungeimpft sein, aber als solche Ski fahren, tanzen und sich die Nägel machen lassen. Die Impfpflicht gilt nur für Geimpfte.

Eine Milliardentombola sollte die Österreicher erweichen, sich an jenes Gesetz zu halten. Weil das gar nicht so gut ankam und sich eh keiner die Umsetzung überlegen wollte, hat Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) die Impflotterie im Rahmen eines Autotelefonats mit der Kronenzeitung abgesagt.

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein muss das rhetorische Szenario Impfpflicht noch am Leben halten und hat gestern erhärtet, dass Polizisten ab Mitte März Impfpässe kontrollieren werden. Stunden später schickte er die Pointe über die Austria Presse Agentur nach: Die Kontrollen seien doch nicht fix, es hänge von der Expertenkommission ab.

Um ihren Wankelmut zu kaschieren, hängt sich die Regierung fast jede Woche ein solches wissenschaftliches Beirat-Feigenblatt um. Wenn es zur gefühlten Stimmung im Land passt, werden Kommissionsvorschläge fallweise angenommen, wenn nicht, gibt's eine Pointe.

Das Beste kommt in der Witztheorie zum Schluss: Weil die ÖVP in Umfragen maßlos an die Maßnahmengegner MFG verliert, hat sie (die ÖVP) nun für 5. März den "Freedom Day" ausgerufen. Trotz vorsichtiger Experten und 2000er-Inzidenzen sollen über Nacht fast alle Coronaregeln fallen, Ringdemonstranten jubilieren.

Wobei: Bis 5. März ist noch Zeit für Wendungen aller Art, eine Neubewertung der Öffnungsschritte sei je nach Befinden der Expertenkommission möglich, sagt Nehammer. Erst einmal die Sonntagsfrage abwarten.

Ihr Lukas Matzinger

Zur Erweiterung der Erheiterung hören Sie drei Hitsingles der Jahre 1976 bis 1981, die zu Unrecht kaum mehr gespielt werden: Das allererste Lied des in der britischen Kolonie Trinidad geborenen Billy Ocean, eine Großtat auf dem 76-tastigen (!) E-Piano Yamaha CP30, und die vom "Electric Light Orchestra"-Sänger geschriebene Perle eines sonst grauenhaften Musicalfilms.

Vielleicht haben Sie es nicht mitbekommen, aber bei der Berlinale wurden zwei Filme aus Österreich ausgezeichnet: Ruth Beckermanns "Mutzenbacher" gewann in der Schiene "Encounters", "Sonne" von Kurdwin Ayub erhielt den Preis für den Besten Erstlingsfilms. Die Filme sind erst ab Herbst in den Kinos zu sehen, bis dahin kann man sich an die Empfehlungen aus Michael Omastas Kino-Newsletter halten und "An impossible project", "Nowhere Special" oder "Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille" anschauen.

Sein Name ist Medieninsidern ebenso ein Begriff wie Fußballinteressierten: Gerhard Milletich. Der Verleger bringt Magazine wie "schau", "schau ins Burgenland", "A la Carte" oder "Gute Reise" heraus, allesamt stets gut gefüllt mit Inseraten der Stadt Wien und des Landes Burgenland. Erstaunlich oft werden diese so gebucht, dass sie nicht unter die Regeln des Medientransparenzgesetzes fallen. Barbara Tóth und Josef Redl haben sich die Sache genauer angesehen.

Im FALTER-Radio hören Sie aktuell ein Gespräch von Robert Misik mit der Soziologin Franziska Schutzbach über ihr neues Buch "Die Erschöpfung der Frauen", in dem sie das Prinzip weiblicher Verfügbarkeit einer kritischen Prüfung unterzieht. Das Interview wurde organisiert und aufgezeichnet vom Bruno Kreisky Forum.


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