Putins Nachtigall - FALTER.maily #746

Matthias Dusini
Versendet am 28.02.2022

Der Krieg verändert auch die Cancel Culture. Standen vor wenigen Tagen noch rechte Historiker oder transphobe Philosophinnen auf der Streichliste, gilt das Augenmerk nun Künstlerinnen und Künstlern, die zu Putin halten. Unter dem Hashtag #CancelGergiev rufen AktivistInnen etwa zum Boykott des russischen Dirigenten Valery Gergiev auf. Gergiev steckt tief im Hintern Wladimir Putins. Er machte im Fernsehen Werbung für ihn und beklatschte 2014 die Annexion der Krim. Auch das Gesetz zum Verbot der „Propaganda für nicht traditionelle sexuelle Beziehungen“ war ganz im Sinne Gergievs.

Die klassische Musik hielt lang am Ideal des unpolitischen Künstlers fest. Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Wilhelm Furtwängler, der von Hitler gehätschelte Maestro, wieder das Staberl in der Hand. Herbert von Karajan, brauner Karrierist aus dem Parteibilderbuch, gab sich zeitlebens als Ästhet, der nichts gewusst haben wollte.

Die Mär vom Künstler als von den Musen geküsstes Genie lässt sich immer dann auftischen, wenn die eigenen Verstrickungen unangenehm werden. „Die Kultur darf nicht zum Spielball von politischen Auseinandersetzungen werden“, schrieb Wiener Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer in einem Statement, als die Proteste gegen Gergiev lauter wurden. Wienerisch gemütlich wollte man möglichen Absagen aus dem Weg gehen. Die Philharmoniker wissen nur zu gut, dass Gergiev ein großer Player in Putins Kulturpolitik ist. 

Den Höhepunkt opportunistischer Heuchelei lieferte die Opernsängerin Anna Netrebko, Russin mit österreichischem Pass. Auf Instagram ließ sie wissen, dass sie gegen den Krieg ist. „Ich habe viele Freunde in der Ukraine und der Schmerz und das Leiden bricht mir das Herz. Ich will, dass dieser Krieg endet und dass die Menschen in Frieden leben“, schreibt Netrebko, ihr Statement im selben Atemzug relativierend. Sie wolle sich nicht zwingen lassen, ihre politische Meinung öffentlich kundzutun. „Wie viele meiner Kollegen bin ich keine politische Person. Ich bin Künstler und mein Ziel ist es, Menschen über Parteigrenzen hinweg zu vereinen."

Das ist neu. Im vergangenen Herbst feierte sie ihren 50er im Kreml mit einer mehrstündigen Gala. Putin sang das Geburtstagsständchen und die ganze Nation schaute via Fernsehen zu. Im Jahr 2014 sammelte Putins Nachtigall Geld für ein Opernhaus in dem auch von russischen Soldaten beschossenen Donezk und posierte öffentlichkeitswirksam vor einer Neurussland-Fahne der von Separatisten besetzten Ostukraine. 

Der Pianist Igor Levit, der 1995 aus Russland nach Deutschland kam, fand für Netrebkos Taktieren deutliche Worte. Ohne sie namentlich zu nennen, schrieb Levit auf Social Media: „Ein Musiker zu sein, befreit einen nicht, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Es geht nicht, vage zu bleiben, wenn gerade der Präsident deines Landes einen Krieg beginnt.“ 

Als Literatur-Nobelpreisträger Peter Handke während des Jugoslawien-Kriegs Kriegsverbrecher hofierte, ging das als weltfremder Spleen durch. Nun wird die Trennung von Kunst und Politik als Fake entlarvt, der seinen Zynismus als Schöngeisterei verpackt. Die Sopranistin Anna Netrebko mag meist den richtigen Ton treffen. Als politisch für den Kreml engagierte Künstlerin sollte sie die Opernhäuser demokratischer Länder jedoch meiden. Für ihre nationalistischen Arien ist das Badezimmer erst einmal die bessere Bühne. 

Ihr Matthias Dusini

Putin erreicht mit seinem Angriffskrieg auf die Ukraine vielleicht, was er verhindern wollte, schrieb Armin Thurnher vor einigen Tagen in seiner Seuchenkolumne. Die Europäische Union zu einen nämlich. In den vergangenen Jahren war der Kremlchef aber mit dem Gegenteil beschäftigt: Durch die Förderung und Vernetzung rechtspopulistischer Parteien versuchte er, geopolitisch an Einfluss zu gewinnen und die schwächelnde EU in die Bedeutungslosigkeit zu treiben. "Putins rechte Freunde" heißt dazu passend das Buch von Michel Reimon und Eva Zelechowski aus dem Falter Verlag.

"Haben wir in den vergangenen 100 Jahren wirklich nichts dazu gelernt?", fragt sich Harry Bergmann in seiner aktuellen Kolumne angesichts der Not und Verzweiflung in der Ukraine und fordert Bundeskanzler Karl Nehammer auf, die Aufnahme von Flüchtlingen vorzubereiten.

Eine Auszeit von Schreckensnachrichten und Doomscrolling bietet dieses Gespräch zwischen Erika Pluhar und dem Historiker Wolfgang Maderthaner. Im Bruno Kreisky Forum erzählte die Schauspielerin und Sängerin über ihre Kindheit, persönliche Erfolge und Tragödien und äußerte Kritik am radikalen Individualismus von heute.

Im FALTER-Buchclub startet dieser Tage ein neues "Lesekränzchen", ein digitaler Lesekreis, mit dem Buch "Zebra im Krieg" von Vladimir Vertlib (Residenz Verlag). Der Protagonist Paul Sarianidis lebt in einer durch den Bürgerkrieg verarmten Stadt am Meer. Den Frust über seine Arbeits- und Aussichtslosigkeit lässt er im Netz raus. Doch als er einen Rebellenführer online bedroht, schwappt die digitale Welt in sein reales Leben hinein. Im FALTER-Buchclub auf Facebook verlosen wir derzeit 10 Lese-Exemplare von "Zebra im Krieg" und laden ein zum gemeinsamen Lesen und Diskutieren. Wir freuen uns, wenn Sie vorbeischauen!


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