Erinnerungen an die Ukraine - FALTER.maily #747

Florian Klenk
Versendet am 01.03.2022

Ich bin weder Kriegsstratege noch außenpolitischer Experte. Wenn Sie die großen geopolitischen Linien in dieser Weltkrise verstehen wollen, empfehle ich Ihnen dieses Gespräch mit Raimund Löw. Unser Außenpolitik-Experte lebte in Moskau, Peking und Washington. Er bietet Ihnen ein geopolitisches Bigger-Picture (quite literally auch in diesem Video).

Ich reiste nur dreimal in die Ukraine. Einmal besuchte ich Tschernobyl. 2011 war ich Kiew bei einem Journalistenkongress investigativer Reporter und war beeindruckt, wie jung und dynamisch diese Stadt damals war. Drei Jahre zuvor, im März 2008, sah ich die verarmte Seite dieses Staates. Da führte mich das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zu einer ehemaligen sowjetischen Raketenbasis im altösterreichischen Dorf Pausching, das auf ukrainisch Pavshino heißt (meine damalige Reportage finden Sie hier)

Dort spielten die Inder hinter Stacheldraht gegen die Pakistani Kricket, sie waren auf der Flucht gestrandet, viele erfroren in den Wäldern, auf der Suche nach einer Fluchtroute über die grüne Grenze in ein besseres Leben.

Die Raketenbasis der Russen war ein verdrecktes Flüchtlingslager, kofinanziert auch vom österreichischen Innenministerium. Sie lag unmittelbar neben Dörfern mit den Namen Mädchendorf, Plankendorf, Blaubart, Birkendorf. Die Straßenschilder in "Schenborn" waren noch zweisprachig, und auf der Kirche stand: "Ehre sei Gott". Einst gehörten diese Ländereien dem Großvater des Wiener Erzbischofs. Und Otto Habsburg, erzählen die Bauern stolz, habe auch einmal vorbeigeschaut.

Als ich durch jene Dörfer reiste, die abgeschottet hinter dem Schengenzaun lagen, bekam ich eine leise Ahnung davon, wie nahe uns die Menschen dort einst waren. Und welches Leid die Nazis und später auch die Stalinisten ihnen angetan hatten.

Die Bäuerin Anna Lockes zum Beispiel, damals 62 Jahre, stand in ihrer speckigen Kittelschürze vor ihrem Hof. Sie sprach ein Deutsch wie vor 300 Jahren, schwäbisch, so wie ihre Vorfahren, die unter Maria Theresia hier angesiedelt worden waren. "Den Eltern der Tod, uns die Not, den Kindern das Brot" war deren Wahlspruch.

Doch er erfüllte sich für Anna Lockes nicht. Die große Politik zog über das Dorf hinweg, Österreicher, Ungarn, Tschechen, Nazideutsche, Sowjets herrschten hier. Frei und satt war Anna Lockes selten. Sie wurde von den Russen als "Hitleri" und "Fritzi" verspottet. Viele ihrer deutschen Nachbarn landeten in den Gulags Sibiriens als Rache für die Massaker der Nazis. Alle Juden der nahen Stadt Mukachevo wurden von Adolf Eichmann nach Auschwitz deportiert.

Ich denke dieser Tage oft an Anna Lockes. Und an all die ukrainischen Frauen, Mütter und Kinder, die dieser Tage am nahe gelegenen Grenzübergang Uschhorod in die EU zu flüchten versuchen, während ihre Männer, Väter und Söhne in diesen sinnlosen Krieg ziehen müssen. Nur sechs Stunden sind es von dort bis nach Wien. Hoffentlich finden sie Zuflucht bei uns. Und hoffentlich erfüllt sich nicht, was alle Militärstrategen befürchten. Dass Kiew belagert wird, dass die Russen Druckluftbomben gegen die Zivilbevölkerung einsetzen werden wie in Syrien. Und dass dieses Volk wieder in einem langen, brutalen Krieg versinkt.

Florian Klenk

Oft wird der Kriegstreiber Putin dieser Tage mit Hitler verglichen. Das ist trotz allem Zorn, den man auf diesen Warlord haben muss, historisch vermessen. Anlässlich der Fußball-EM 2012 erinnerte Erich Klein im FALTER an die Massaker, die einst in der Ukraine stattgefunden hatten.

Ein Werk, dessen Lektüre ich nie mehr vergessen werde, ist der autobiografische Roman des Ukrainers Anatolij Kusnezow, der über sein Leben als Jugendlicher in dem von Deutschen besetzten Kiew erzählt. Er erzählt vom Staunen, mit dem er die Deutschen in Kiew empfing, und von der Katastrophe und dem unvorstellbaren Massenmord in der Schlucht von Babij Jar, der wenig später folgte. Sein - später auch von den Sowjets zensiertes - Buch finden Sie hier.

Eines der wohl eindringlichsten Werke über die Ukraine lieferte Timothy Snyder. Er beschreibt in seinem monumentalen Werk "Bloodlands", wie Stalin und Hitler sich in den 1930er- und 1940er-Jahren darin abwechselten, die Ukrainer systematisch zu ermorden. Auch im Ersten Weltkrieg lieferten sich Deutsche und Russen mörderische Schlachten auf dem Boden der heutigen Ukraine, verbunden mit Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung.

Im aktuellen FALTER widmen wir uns ausführlich dem Krieg. Im Politik-Ressort erklären uns ukrainische Bürgerinnen und Bürger und Experten den Konflikt aus sehr persönlicher Sicht. Die in Österreich lebende Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk spricht mit Stefanie Panzenböck darüber, wie sie mit ihrer Mutter in Kiew Kontakt hält. Oliver Schmitt beschreibt die historischen Hintergründe des Konflikts. Kommentare finden Sie von Eva Konzett, Armin Thurnher, Peter Michael Lingens, Isolde Charim und Tessa Szyszkowitz.

Der FALTER.morgen, unser täglicher Wien-Newsletter, wird von Martin Staudinger geleitet (den haben Sie sicher schon abonniert). Ehe Staudinger zum FALTER zurückkehrte, war er Außenpolitik-Chef des Profil und preisgekrönter Reporter. Wir wollen auf seine außenpolitischen Netzwerke und seine Expertise auch im FALTER nicht verzichten. Ab sofort liefert Staudinger unter diesem Link für Sie ein Ukraine-Update. Abonnieren Sie seinen Blog bitte hier.

Die beste, weil kurzweiligste Art, sich über die österreichische Innenpolitik zu informieren, ist wohl der FALTER-Podcast "Scheuba fragt nach..." des Investigativjournalisten Florian Scheuba. In der ersten Folge der neuen Staffel berichtet Scheuba über mutmaßliche Falschaussagen, die für einen Ex-Bundeskanzler und einen Polizei-Chef unangenehm werden könnten. Mit Stephanie Krisper von den Neos spricht er über die Aufdeckung des „Systems Pilnacek“ und den U-Ausschuss-Vorsitz als geschützte Werkstätte für psycho-soziale Problemfälle.

"Scheuba fragt nach..." läuft jetzt übrigens über einen eigenen Kanal. Sie finden alle Episoden unter falter.at/scheuba. Um keine Folge zu verpassen, können Sie den Podcast zum Beispiel bei Apple Podcasts oder Spotify abonnieren!

Die gute Nachricht zum Schluss: Kultur findet wieder statt, beinahe ganz normal "wie früher". Im redaktionellen Teil unserer Kultur- und Programmbeilage finden Sie diesmal drei ausführliche Festival-Empfehlungen. Nicole Scheyerer stellt Highlights der "Foto Wien" vor, die die Stadt an 140 Orten drei Wochen an lang mit Fotokunst überzieht. Martin Pesl weiß, was die Performancereihe Imagetanz im Brut Nordwest bringt, und Michael Omasta gratuliert Michael Haneke vorab zum 80er, da das Filmmuseum seine Retro zum runden Geburtstag des Regisseurs bereits Wochen vor dem Jubeltag startet. Dazu wie immer Termine, Termine, Termine: Theater- und Musical-Kritiken, zweckdienliche Hinweise zu aktuellen Filmstarts, Lesungen, Ausstellungen und Kinderveranstaltungen sowie Konzertempfehlungen von Pop bis Klassik. Hier können Sie die FALTER:WOCHE auch digital durchblättern!

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