1968, 1989, 2022 - FALTER.maily #750

Barbara Tóth
Versendet am 04.03.2022

Neulich beim Frühstücken fragte ich meine Söhne, was sie mitnehmen würden, wenn wir die Stadt verlassen müssten. Und wohin wir am besten fahren würden. Sie haben viele Fragen zum Krieg. Sie sind 10 und 12 Jahre alt, in ihrem kurzen Leben gab es mehr als zwei Jahre Pandemie, jetzt sehen sie auf ihren Smartphones Panzer und einen russischen Präsidenten, der den Bösewichten aus Star Wars oder Attack on Titan verdammt ähnlich sieht.

Ja wohin? Und was kommt in den Rucksack? Als meine Eltern im Jahr 1969 am Wiener Ostbahnhof ankamen, geflüchtet aus der damaligen kommunistischen Tschechoslowakei, hatten sie nicht viel mehr als den sprichwörtlichen Koffer in der Hand dabei. "Und alles, was in unserem Kopf und Herzen war", erzählten sie mir später oft. "Das kann Dir niemand wegnehmen. Das ist das Wichtigste."

Sie waren junge Erwachsene. Sie hatten von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz in ihrer Heimat geträumt. Moskau hatte diesen Traum 1968 mit Panzerkolonnen abrupt beendet. Österreich hieß sie willkommen, sie danken es dem Land bis heute.

Ich war eine Teenagerin, als im Jahr 1989 die Berliner Mauer fiel. Keine kettenrauchende, vor Angst vibrierende Mutter mehr am Steuer ihres Golf vor dem Grenzübergang Richtung Budweis, am Weg zu den Großeltern. Vorbei die vermutlich irrationale, aber für uns doch sehr greifbare Sorge, dass "die uns dort behalten könnten".

Was wäre gewesen, wenn meine Eltern nicht geflohen wären, wenn ich nicht in Wien, sondern in Prag oder Brünn geboren worden wäre? Um Antworten zu finden, besuchte ich ein paar Jahre später die Absolventinnen und Absolventen einer Klasse, die im Jahr 1989 in Prag maturiert hatten, und schrieb ein Buch über ihre Lebenswege. Die meisten waren in Tschechien geblieben, einige nach Israel oder in die USA ausgewandert. Sie hatten Glück gehabt. Sie waren gut ausgebildet und zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs des kommunistischen Europas jung genug, um noch einmal neu anzufangen.

Dass mit dem Jahr 2022 jene Periode der sanften, friedlichen europäischen Ordnung zu Ende geht, die im Jahr 1989 den Kalten Krieg abgelöst hat, dass wir gerade eine Zeitenwende erleben, das haben wir alle in den letzten Tagen wohl schon einmal zu oft gelesen, gehört und selber gesagt. Zäsuren, Schlachten und Jahreszahlen füllen die Geschichtsbücher. Für die Menschen, die hoffentlich sicher über humanitäre Korridore flüchten können, zählt, dass die Europäische Union ihnen am Donnerstag als Kriegsflüchtlinge sofortigen Schutzstatus versprochen hat. Das werde ich meinen Söhnen morgen zum Frühstück erzählen. Endlich eine gute Nachricht in all dem Wahnsinn.

Barbara Tóth

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