Soll Dostojewski gecancelt werden? - FALTER.maily #752

Klaus Nüchtern
Versendet am 07.03.2022

zum Fixbestandteil der hitzigen Debatte um die „Cancel Culture" gehört die Behauptung, dass es sich dabei um einen polemischen Kampfbegriff handle, die Sache selbst aber maßlos aufgebauscht werde oder gar nicht existiere. „Wenn es Cancel Culture nicht gäbe, hätte das deutsche Feuilleton sie erfinden müssen", ätzte der Stanford-Germanist Adrian Daub nonchalant in einem Kommentar und schrieb von „Schauergeschichten für die Boomerseele".

In den letzten Tagen ist die Existenz einer Cancel Culture allerdings sehr manifest geworden, bloß dass man sie jetzt nicht mehr so nennt und dass sich die politischen Vorzeichen geändert haben. Die Aufrufe zum Boykott kommen nicht mehr aus der linken identitätspolitischen Ecke, sondern sind von einem recht breiten Konsens getragen, auf den sich in diesem Falle offenbar Linke, Liberale und Konservative einigen können.

Der Grund ist klar und hat alle Argumente der Humanität auf seiner Seite: Der Aggressionskrieg Russlands gegen die Ukraine ist vorbehaltlos zu verurteilen; Personen, die sich öffentlich zu Präsident Putin bekennen, beziehungsweise nicht von diesem distanzieren, gelten als Persona non grata; ihre Auftritte sollen gecancelt, Engagements gekündigt werden. Stars der internationalen Kunstszene wie der Dirigent Valery Gergiev und die Sopranistin Anna Netrebko, deren Sympathien für Putin und dessen aggressive Geopolitik seit Jahren bekannt sind, haben das zu spüren bekommen. Um eine klare Positionierung gebeten hat Ersterer geschwiegen, Letztere sich das halbherzig-hoppertatschige Statement abgerungen, dass sie gegen den Krieg im übrigen aber eine unpolitische Person sei. „Unpolitisch sein", so meinte Rosa Luxemburg, „heißt politisch sein, ohne es zu merken".

Es geht hier nicht nur um die Frage, wie feig, opportunistisch, naiv oder dumm Künstler:innen sein dürfen, sondern ob sie als Feigenblatt oder Propagandainstrument eines autoritären Regimes fungieren. In einem Kommentar, der sich der Frage „Bekenntniszwang für russische Künstler?" widmet,beantwortet der FAZ-Journalist Matthias Alexander diese dahingehend, dass man dergleichen unterlassen möge: „Wer jetzt noch die Nähe Putins sucht oder gar den Überfall auf die Ukraine befürwortet, ist draußen; allen anderen kann man nicht ins Herz schauen. Und es prüfe sich ge­nau, wer einen Mut vor Diktatorenthronen einfordert, den man selbst noch niemals aufbringen musste." Einen pauschalen Boykott von einzelnen Künstlern aus Russland, merkt Alexander darüber hinaus noch an, fordere ohnedies niemand, „sieht man von Pöblern und Schlichtmeinungsproduzenten in sozialen Netzwerken ab."

Hier irrte Alexander freilich, denn bereits am Tag vor dem Erscheinen seines Kommentars hatten das Ukrainische Buchinstitut, das Lviv International BookForum, der ukrainische PEN das Book Arsenal in Kiew in einem Appell an die Literatur- und Verlagswelt den Boykott aller russischen Bücher und Verlage gefordert. Und die in Wien lebende ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk, die zuletzt auch im FALTER Stellung bezogen hatte, meinte in einem zwei Tage später erschienen Interview mit der Berliner Zeitung: „Man sollte Russland auf allen Ebenen boykottieren, mit allen möglichen Mitteln Druck machen. Es hat offenbar keinen Erfolg, den Präsidenten zu erreichen. Aber seine Umgebung, die Elite, zu der auch leider Künstler gehören, muss man boykottieren."

Möglicherweise hat Maljartschuk hier ungewollt etwas unscharf formuliert und nur die putin-nahen Künstler:innen gemeint. In dieser Sache ist freilich äußerte Genauigkeit geboten. Der deutsche PEN-Präsident Deniz Yüzel hat das Ansinnen seiner ukrainischen Schwesternorganisation jedenfalls von sich gewiesen und in einem Radio-Interview (das er allerdings nicht in offizieller Funktion, sondern als Privatperson gab), darauf hingewiesen, dass nicht Puschkin, sondern Putin das Problem sei.

Damit spricht Yüzel, ein Journalist, der wegen angeblicher „Terrorpropaganda" fast ein Jahr lang in türkischer Untersuchungshaft saß, einen wichtigen Punkt an: Boykotte sollten dem Regime gelten und nicht allem, was „russisch" ist. Eigentlich sollte sich das von selbst verstehen. Anlass, daran zu zweifeln, lieferte allerdings eine kolportierte Cancel Culture-Anstrengung aus Italien: Paolo Nori, Professor an der Bicocca Universität von Mailand, behauptet, von der Uni per E-Mail über die Absage seines Dostojewski-Seminars informiert worden zu sein. Mittlerweile dürfte geklärt sein, dass der Kurs wie geplant stattfindet.

Man kann nur hoffen, dass es sich dabei um eine skurrile Anekdote handelt. Es wäre dreifach absurd, die ganze russische Literatur boykottieren zu wollen. Erstens würde man damit der Logik des perfiden Pauschalurteils Putins, derzufolge alle Ukrainer Faschisten wären, folgen und nur den Referenten austauschen: Russland = böse. Die Frankfurter Buchmesse hat in der Hinsicht einen differenzierten Boykottansatz gewählt und nur den russischen Nationalstand, nicht aber Einzelstände russischer Verlage ausgeschlossen. Zweitens werden im Westen ohnedies keine Bücher von putin-loyalen Schriftsteller:innen verlegt. Und drittens wäre es ein Akt der Indolenz gegenüber jenen Literaten, die – gemeinsam mit anderen Künstlern, aber auch Politikern und einfachen Bürgerinnen und Bürgern – einen Appell gegen die Putin-Invasion der Ukraine unterzeichnet haben. Allen Russ:innen, die den Mut und den Anstand haben, sich gegen den Krieg und die menschenverachtende Politik Putins zu äußern und zu engagieren, gebührt unser Respekt und unsere Solidarität. Da fährt die Eisenbahn drüber.

Klaus Nüchtern

Der Osteuropa-Historiker Oliver Jens Schmitt hat einen Essay verfasst, der sich hervorragend als Crash-Kurs in russisch-ukrainischer Geschichte eignet und erklärt, warum Putin mit seiner historischen Begründung der Invasion komplett daneben liegt. Darüber hinaus kritisiert Schmitt den leichtfertigen und naiven Umgang des Westens mit der Verteidigungspolitik.

In jedem Falle Dostojewski. Seine „Aufzeichnungen aus einem toten Haus", die Dostojewskis Erfahrung der „Katorga" (Verbannung plus Zwangsarbeit) in einem sibirischen Straflager widerspiegeln, sind 1861/62, also just zu der Zeit erschienen, als im Zarenreich die Leibeigenschaft abgeschafft wurde. Dostojewskis „Autofiction" ist nichts weniger als eine Kartographie der Conditio humana, die die Leidens- und Empathiefähigkeit des Menschen ebenso präzise verzeichnet wie dessen Bestialität.

Schlechte Zeiten können bekanntlich ein guter Nährboden für Satire sein. Der beste Witz zu den Neusprech-Anstrengungen Putins, der mir zu Ohren gekommen ist, geht so: „In Russland ist Tolstois Opus magnum neu aufgelegt worden. Sein Titel lautet ab sofort: „Militärische Spezialoperation und Frieden".

„Ghost Song" betitelt sich das soeben erschienene jüngste Album von Cécile McLorin Salvant. Die US-amerikanische Sängerin verfügt nicht nur über die vielleicht beeindruckendste Stimme im zeitgenössischen Jazz, sondern auch über stupende musikalische Intelligenz und hervorragende Begleitmusiker:innen, was „Ghost Song" schon jetzt zu einem Album des Jahres macht. Einen ersten Eindruck können Sie sich hier verschaffen.

Zu guter Letzt möchte ich noch darauf verweisen, dass wir gerade mit der Produktion der „Falter"-Buchbeilage beschäftigt sind, die übernächsten Mittwoch tun wird, was sie tun muss: beiliegen nämlich. 48 Seiten mit Besprechungen von Belletristik, Kinder- und Sachbüchern. Letztere werden erstmals von Gerlinde Pölsler redaktionell betreut – nachdem die vorangegangenen 28 Buchbeilagen Kirstin Breitenfellner für dieses Ressort verantwortlich gezeichnet hat. Als „Zuckerl" kann ich schon einmal ein Interview mit dem russischen Schriftsteller Vladimir Sorokin ankündigen, der den oben erwähnten Appell gegen die Invasion der Ukraine unterzeichnet und den Erich Klein vor wenigen Wochen in Moskau getroffen hat.

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