Bilderkrieg - FALTER.maily #757

Armin Thurnher
Versendet am 13.03.2022

Kürzlich schickte Ihnen Florian Klenk ein Maily über die Schwierigkeiten im Umgang mit Informationen über den Krieg. Am Ende seines Briefes schrieb er: „Aber ein ,Shock-Value‘ alleine ist kein Rechtfertigungsgrund, das Leid anderer auszustellen. Im Zweifel halte ich mich an den Rat von Armin Thurnher. Er meinte stets: Die Beschreibung einer Szene ist wirkmächtiger, als das Foto selbst.“

Ein Fotograf lobte auf Twitter Klenks Text. Alles stimme, schrieb er, bis auf den letzten Satz. Da er selbst als Kriegs- und Krisenberichterstatter tätig ist, musste er das wohl so sagen. Ich bin zwar ein Spezialist für letzte Sätze, weiß aber nicht, ob ich den letzten Satz wirklich so gesagt habe. Ich bete im Übrigen zu Gott, dass nicht alles, was ich je in Redaktionssitzungen gesagt habe, zitiert wird. Mit diesem Satz aber habe ich kein Problem.

Müsste ich ihn heute formulieren, würde ich es so ausdrücken: Bilder sind als Herrschaftsinstrumente wirkmächtiger als alles andere, aber wir in den Redaktionen haben die Pflicht, sie zu relativieren, in Zusammenhänge zu stellen, sie zu ergänzen, zu interpretieren und zurechtzurücken.

Guter Journalismus ist redaktioneller Journalismus, er muss Bilder analysieren und darf sich ihnen eben nicht ausliefern. Sie wirken dann für weiß der Teufel was, nur wissen wir nicht genau, wofür. Deshalb ist auch Zurückhaltung dabei angebracht, Bilder aus dem Krieg auf Social Media und sonstwo auszustellen, triumphierend, als Illustration einer momentanen Emotion, nicht wissend, was sie genau darstellen, mit einer verrutschten Formulierung möglicherweise sogar die Aufmerksamkeit noch verdrehend.

Wir alle wissen, dass Informationen Teil der Kriegsführung sind. Manche Bilder gleichen Handgranaten. Die würden wir auch nicht aufheben, um sie weiterzuwerfen. Die Hilflosigkeit, mit der Staaten, die für die Freiheit der Information zu kämpfen behaupten, nun freihändig Medienverbote verhängen, und mit diesen Verboten mit Konzernen wetteifern, die bisher alles verbreiteten und die rechtliche Verfolgung von Fehlinformation erschwerten, zeigt das Dilemma. Wo hört das auf, wenn freihändig dekretiert wird, was Propaganda ist und was Desinformation? Kommt als nächstes dieser Newsletter? Sollte nicht vielmehr der Rechtsstaat die Grenzen ziehen? Das nur nebenbei.

Manchmal ist es eben besser, das Problem im Umgang mit einem Bild zu beschreiben, und damit das Bild als das kenntlich zu machen, was es ist. Menschen verlieren ihr Leben, werden getötet, gefoltert, verletzt, erfrieren, verhungern, werden vertrieben. Starken Bilder, die vorgeben, unsere Emotionen, unsere Empörung über diese Untaten aufzustacheln, können uns auch daran gewöhnen, solche Dinge zu sehen. Wenn uns die Erzählung von Greueln nicht erschüttert, wird es ihre Abbildung auch nicht tun. Das wollte, das will ich sagen, und deswegen ist es manchmal besser, überhaupt kein Bild zu zeigen, als eines, das genau jene Zwecke erfüllt, vor denen man warnen will.

Das beste, hierzulande fassliche Beispiel waren die Bilder Jörg Haiders, die Magazine in vorgeblich kritischer Absicht auf ihre Covers hievten, weil sie so gut verkauften. Es war nicht Warnung vor, es war Werbung für Haider. Deswegen verhängte ich, aus rein medienpädagogischen Gründen, ein Bildverbot über Haider. Nicht um meine Allmacht zu zeigen, sondern um Bewusstsein für das Problem zu schaffen. Das ließ sich nicht durchhalten und wurde als Gag missverstanden. 

Das Problem bleibt bestehen. Bilder, Texte, Berichte, ja Zeugenaussagen können in jedem Krieg gesteuert sein, Teil des Propagandakriegs. Man muss ihnen skeptisch begegnen. Als Medium soll man dieses Skepsis befördern. Bildanalytisch sind wir Analphabeten, verglichen mit unseren Fähigkeiten zur Textkritik. Deswegen ist Text nicht stärker als ein Bild, aber bisweilen wichtiger. Er steht für jenen Augenblick der Distanz, den wir uns jeder Information gegenüber gönnen sollten, und Informationen in Kriegszeiten umso mehr.

Haben Sie trotzdem eine schöne Woche.

Armin Thurnher

Wer den aktuellen Stand der Omikron-Varianten an den Reaktionen der Bundesregierung misst, wird umso mehr die Informationen von Epidemiologen Robert Zangerle zu schätzen wissen, die dieser wöchentlich hier vorträgt. Dazu gibt es Kriegs- und andere Notizen aller Art, also kurz: für jeden etwas. Ein Abo bringt die Kolumne kostenfrei in Ihr Mail.

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