Zivilgesellschaftlich - FALTER.maily #758

Stefanie Panzenböck
Versendet am 14.03.2022

Unzählige zivilgesellschaftliche Projekte unterstützen Ukrainerinnen und Ukrainer, die auf der Flucht vor dem Krieg in ihrer Heimat sind oder dort in Bunkern ausharren müssen. Eine dieser Initiativen möchte ich Ihnen heute vorstellen. Sie mutet sehr altmodisch an, doch an Effizienz mangelt es ihr nicht. Es handelt sich um die Mailingliste Slawistik. Stefan Michael Newerkla, Professor für westslawische Sprachwissenschaft am Institut für Slawistik der Universität Wien, hatte sie im Jahr 2006 gegründet. Bisher diente sie vor allem dazu, Jobangebote zu verschicken, Vorträge und Buchneuerscheinungen auf dem Gebiet der Slawistik und Osteuropäischen Geschichte für alle slawischen Sprachen, die am Institut gelehrt werden, unter interessiertes Publikum zu bringen. Nun kommen täglich Hilfsangebote für Flüchtlinge in Österreich, Tschechien, der Slowakei oder Polen dazu. Menschen, die Initiativen starten, bitten über den Verteiler um Unterstützung.

Im Jahr 2014, nach dem russischen Überfall auf die ukrainische Halbinsel Krim war die Mailingliste schon einmal eine Plattform, um Stellungnahmen und Hintergrundinfos zu den Geschehnissen auszutauschen. Viele Putin-Versteher hätten sich schon damals abgemeldet, erinnert sich Newerkla. Außerdem habe er damit gerechnet, „dass man dieses alte Modell Mailingliste im Zeitalter der sozialen Netzwerke bald abschaffen wird.“ Doch seit dem Beginn der Invasion Russlands in der Ukraine am 24. Februar 2022 erwies sie sich wieder einmal als äußerst nützlich. Rund 2000 Abonnentinnen und Abonnenten sind Mitglied des Verteilers. Anmelden kann man sich hier. 

Newerkla moderiert die Liste selbst. Jede Nachricht, die verschickt wird, überprüft der Spezialist für historische Soziolinguistik und deutsch-slawischen Sprachkontakt . „Dreiviertel der E-Mails, die ich bekomme, leite ich nicht weiter“, erzählt er. „Reine Propaganda wird ausgesiebt.“ Ob nun jemand Werbung für ukrainische Produkte machen will und damit aus der Aufmerksamkeit aufgrund des Krieges Profit schlagen will oder politische Hetzschriften verbreitet – das alles geht nicht an den Verteiler.

Die Informationen, die Newerkla publiziert, sind vielfältig und reichen von wissenschaftlichen Themen, über politische Analysen bis zu konkreten Hilfsangeboten. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften und die Universität Wien bewerben ihre Stipendien-Angebote für ukrainische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Eine Frau gründete eine Privatinitiative und sucht Volontärinnen und Volontäre, die mit Musik, Theater und Zaubertricks Flüchtlingskinder unterhalten könnten (Kontakt: slavica.rajic@gmx.net), eine Zeitung bietet Informationen über den Krieg in Leichter Sprache an, ein Vortrag der Slawistik-Professoren Michael Moser und Alois Woldan bietet Einblick zum Thema „Die Ukraine ist nicht Russland: die philologische Perspektive“ und in einem Podcast des Schweizer Radios SRF ist die Diplomatin Heidi Tagliavini, die das Minsker Abkommen mitverhandelt hat, zu Gast und spricht über „Diplomatische Auswege aus dem Krieg".

Für zwei Dörfer im Kolomyja-Bezirk bittet die Lektorin für Ukrainisch an der Uni Wien, Elisabeth Olentchouk noch um Sachspenden. Abgegeben werden können Kleidung, Hygieneartikel, Babynahrung etc. am 16.3. von 17 bis 19 Uhr bei der Allerheiligenkirche im 20. Bezirk und am 23.3. von 17 bis 19 Uhr sowie am 25.3. von 16 bis 18 Uhr in der Pfarrkanzlei bei der Herz Jesu Kirche im 21. Bezirk.

Eine möglichst angenehme Woche wünscht Ihnen

Stefanie Panzenböck

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