Raiffeisen und Russland - FALTER.maily #761

Eva Maria Konzett
Versendet am 17.03.2022

Wenn die Raffeisenbank International sich zum Äußersten entscheidet, kann sie sich damit trösten, nicht alleine zu sein. Heute Vormittag hat die zweitgrößte Bank Österreichs angekündigt, alle "Optionen in Russland" zu prüfen, darunter einen "sorgfältig gesteuerten Ausstieg" aus dem russischen Markt. Noch am ersten März hatte Strobl gegenüber den Investoren erklärt, dass man an einen Exit aus Russland nicht denke. Jetzt ist der Druck zu groß geworden.

Eine ganze Karawane an Banken zieht weg. Nach Westen. Die Deutsche Bank, die Amerikaner von JPMorgan, Goldman Sachs und Citigroup, die italienische Unicredit: Sie alle haben angekündigt, ihr Russlandgeschäft herunterzufahren und keine Neukunden mehr aufzunehmen.

Die RBI würde in einem solchen Schritt nicht nur ihre russische Tochter mit mehr als vier Millionen Kunden und 9400 Mitarbeitern abstoßen, sondern die Cashcow des Konzern: Knapp ein Drittel des Gewinns kamen noch im letzten Jahr aus Russland.

11,6 Milliarden Euro an Krediten hat die RBI in Russland vergeben. Das Gesamtexposure liegt bei 22,9 Milliarden Euro. Seit 1996 ist man vor Ort und hat von allen westlichen Banken das größte Russland-Risiko in den Büchern. Seit Anfang Februar ist der Aktienkurs der RBI um etwa 45 Prozent gefallen.

Dass die RBI auch in der Ukraine stark vertreten ist und in Belarus, macht die Sache nicht besser. Die Bank hat ihr Geld dort gemacht, wo die Panzer fahren, die Raketen treffen, Menschen sterben. Jetzt ist Krieg.

Doch einfach die Sachen packen, das dürfen die Bankhäuser nicht. Was würde dann aus den Ersparnissen und Krediten ihrer Kunden! Eine Bank kann einen Markt ohne die Erlaubnis der lokalen Zentralbank nicht verlassen, in diesen Fällen werden die Geschäfte an einen Mitbewerber veräußert. Im Zuge der westlichen Sanktionen sind russische Bankinstitute jetzt aber Ausschussware. Die verbliebenen Interessenten - vor einem Jahr wollte etwa die russische VTB Bank die Kundensparte der Citigroup kaufen - unterliegen den Sanktionen. Man darf mit ihnen keine Geschäfte machen. 

Am 22. Februar 2022, zwei Tage vor der russischen Invasion, in der Ukraine hatte Bank-Chef Strobl noch gemeint, im Falle einer Eskalation habe die RBI "Krisenpläne" ausgearbeitet. Angesichts des russischen Angriffs in der Ukraine, der Kriegsverbrechen gegen die Bevölkerung, des Bombenbeschuss' auf die Städte heißt das jetzt womöglich: Rückzug.

Was das für den österreichischen Bankensektor bedeutet? Die Raiffeisen Landesbanken werden deutlich weniger Dividende haben und hungern müssen. Die RBI wird ihren wichtigsten Einzelmarkt verlieren. Dass diese Krise auf andere österreichische Bankenhäuser überspringt, davon gehen Branchenkenner derzeit aber noch nicht aus.

Eva Maria Konzett

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