Kampf an der Zapfsäule - FALTER.maily #762

Katharina Kropshofer
Versendet am 18.03.2022

Es gibt wenig, das für meinen Großvater so selbstverständlich ist wie der tägliche Weg zu seinem Auto. Der einzige Bus, der in seiner Gegend fahrt, hält am Fuß eines steilen Hügels. Die Vorstellung, dass er den Hügel hinunterjoggt und per Bus zum regelmäßigen Bauernmarktbesuch fährt, bringt mich zum Lachen.

Wenn ich mit meinem Großvater spreche, wird mir klar, wie unterschiedlich unsere Vorstellungen und Bedürfnisse sind, wenn es um Mobilität geht: Ich bin froh, kein Auto zu besitzen. Für meinen Großvater ist sein alter VW Käfer sein größter Stolz. An der Tankstelle muss er sein Fläschchen mit Blei auspacken und die giftige Substanz zum Benzin hinzufügen. Fährt er über die Autobahn, stellt er sicher, dass er davor noch tankt. Dass die Spritpreise auf den Autobahn-Tankstellen teurer sind, weiß ich nur von ihm.

Und seit ein paar Tagen macht er sich Sorgen: In keinem anderen EU-Land ist der Preis für Sprit seit Beginn der Angriffe auf die Ukraine so stark gestiegen wie in Österreich. Die Zapfsäulen zeigen 1,987 Euro für einen Liter Eurosuper - um knapp 50 Cent mehr als noch Ende Februar. 

Die Forderungen, das zu ändern, greifen oft zu kurz: “Steuern runter!” zum Beispiel. Dabei hat sich die Spritbesteuerung in den EU-Staaten kaum verändert, in Österreich liegen diese sogar unter dem EU-Schnitt. 

Seit ein paar Tagen sinkt der Ölpreis wieder stetig. Warum also bleibt der Preis an den Zapfsäulen hoch? Vielleicht denken sie sich: Die Kosten der Raffinerien, die Strom und Erdgas benötigen, sind jetzt, wo Unsicherheit  und Knappheit herrscht, bestimmt stark gestiegen. So einfach ist es nicht: Denn ein Großteil des Energiebedarfs wird aus Rohöl gedeckt.

Der Verdacht liegt also nahe, dass sich Mineralölkonzerne gerade auf unsere Kosten bereichern. Das Momentum Institut berechnet etwa, dass die Mineralölkonzerne ÖSterreichs ihre Gewinne von 20 auf über 50 Cent pro Liter erhöht haben. Und das innerhalb von läppischen 14 Tagen.

“Es wäre verwerflich, ausgerechnet in dieser Krise mit ihrer enormen Teuerung noch zusätzlich Preistreiberei auf Kosten der Bevölkerung und vieler Unternehmen zu machen", sagt die Expertin der Mobilitätsorganisation VCÖ Lina Mosshammer. Auch Vizekanzler Werner Kogler sprang auf den Zug auf und twitterte: “Es drängt sich der Verdacht auf, dass sich ein paar Ölkonzerne auf Kosten der Leute eine goldene Nase verdienen.”

Anders als beim Gas steigt der Ölpreis nicht aufgrund der Mangelsituation.  Gasabhängigkeit, Erdölabhängigkeit, die Regierungen drehen sich im Kreis, die multiplen Krisen fliegen ihnen um die Ohren. Putins Krieg, Pandemie, und war da nicht noch was mit der Klimakrise? 

In der Zwischenzeit ist in Deutschland ein Kampf an den Zapfsäulen ausgebrochen. Trucker protestieren gegen die hohen Preise, indem sie – richtig geraten - Sprit verbrauchen und eine LKW-Demo abhalten. Auch den Impfgegnern ist etwas Neues zum Protestieren eingefallen: Sie drücken ihren Unmut morgen in Linz per Autokonvoi aus. 

Erinnerungen an die Gelbwesten werden wach, die 2019 gegen die höhere Besteuerung fossiler Kraftstoffe, allen voran Diesel, protestierten. Das schöne: Als Präsident Emmanuel Macron in direkter Antwort darauf einen Bürgerrat einberuf, repräsentativ, und Wissenschafterinnen und Wissenschafter die Gruppe mit Fakten zu Klima- und ökologischer Krise fütterte und mit Lösungsansätzen, legten diese radikalere Vorschläge auf den Tisch, von denen selbst grüne Parteien nur träumen können. Darunter: Ein Tempolimit von 110 Kilometern pro Stunde, Verbote für Werbung zu klimaschädlichen Produkten wie Autos. 

Es ist nicht die Zeit für einfache Lösungen. Aber doch eine, um über den Tellerrand zu blicken. Nach Neuseeland etwa, das die Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr nun halbiert. Auch die Wiener Grünen schlagen drei Monate gratis Wiener Öffi-Tickets vor.

Übrigens: Während sich Diesel zwischen Februar 2021 und Februar 2022 um 30,7 Prozent verteuerte, finden sich Jahreskarten für Öffis bei den Preisdämpfern. Diese sind im gleichen Zeitraum um ein Drittel billiger geworden.

Ich habe meinen Großvater gefragt, ob er, der Sparefuchs, nun öfters mit dem Bus fahren wird. Das nicht, aber er denkt momentan zweimal darüber nach, ob er ins Auto steigt oder die Besorgung vielleicht noch warten kann. Was ich ihm nur ungern sage: Der Spritpreis wird sich wohl auf einem hohen Niveau einpendeln.

Katharina Kropshofer

Kaum eine Frage wird momentan wohl so oft gestellt wie: Wie geht es in der Ukraine nun weiter? In einem Gastkommentar beschäftigt sich der Professor für Menschenrechte Wolfgang Sporrer damit.

Morgen findet eines der größten Benefizkonzerte der österreichischen Geschichte statt: "We stand with Ukraine" zieht die österreichischen Musikgrößen an, Ostbahn Kurti liegt leider mit Corona im Bett.

Auch Wolfgang Ambros wird nicht spielen. Wir verzeihen es ihm, schließlich feiert er morgen seinen 70. Geburtstag. Mein Kollege Gerhard Stöger hat zu diesem Anlass ein langes, sehr lesenswertes Interview mit ihm geführt.

Noch was ganz was anderes: Vor wenigen Tagen tat die New York Times etwas ungewöhnliches und zeigte tote Menschen auf dem Cover. Eine ukrainische Familie, gerichtet von einem Granatenwerfer. Das Cover sorgte für viel Diskussion: Soll man diese Gewalt so graphisch zeigen? (Auch dieses Falter-Cover sorgte für Diskussion.) Im Podcast “The Daily”, spricht die Fotografin des Fotos, Lynsey Addario, über die Geschichte hinter dem Foto. Sehr hörenswert!


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