Fluchtwaisen - FALTER.maily #768

Nina Horaczek
Versendet am 25.03.2022

Im Oktober 2012 traf ich in Traiskirchen einen ganz besonderen Teenager. Ali, gerade erst 13 Jahre alt, forderte damals, dass er in die Schule gehen darf. Weil er alleine von Somalia geflohen war, saß er ohne Betreuung seit einem halben Jahr im Flüchtlingslager Traiskirchen fest. Seinen Tagesablauf beschrieb Ali so: "Ein Mal pro Tag kommt ein Aufseher in mein Zimmer und überprüft die Lagerkarte. Das Gerät macht "Piep", wenn es über den Barcode auf der Karte gezogen wird. Dann geht der Mann wieder. Das war’s."

An Ali musste ich jetzt wieder denken, als ich die vielen ukrainischen Kinder sah, die jetzt in Österreich ihren ersten Schultag haben. An die tausend von ihnen werden bereits in Wiener Schulen unterrichtet.

Das ist richtig und wichtig. Die Chance auf eine kinder- und jugendgerechte Unterbringung und auf einen sofortigen Schulbesuch sollten aber auch all die anderen Kinder und Jugendlichen haben, die nach Österreich flüchten.

Hunderte Fluchtwaisen, von den Behörden "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge" (UMF) genannt, sitzen derzeit in Bundesbetreuungseinrichtungen an teils äußerst abgelegenen Orten fest. Im Gegensatz zu den Teenagern aus der Ukraine, die alleine nach Österreich flüchten müssen, landen alle anderen UMFs erst in oft monatelangen Zulassungsverfahren. Erst wenn von Amtswegen festgestellt ist, dass diese Buben und Mädchen tatsächlich nicht erwachsen sind, werden sie in eine jugendgerechte Unterkunft verlegt.

Es gibt aber derzeit viel zu wenige passende Unterkünfte für diese geflüchteten Teenager. Und selbst dort erhalten sie nicht die Betreuung, die österreichischen Kindern und Jugendlichen zusteht, die nicht bei ihren Eltern leben können. Fluchtwaisen sind dem österreichischen Staat nur maximal 95 Euro pro Tag wert, für österreichische Kinder und Jugendliche gibt der Staat ein Vielfaches aus. Auch die Kindswohlkommission kritisiert in ihrem Bericht den Umgang Österreichs mit Fluchtwaisen.

Die Schauspielerinnen Hilde Dalik und Susi Stach haben deshalb heute einen Appell gestartet. "Kind ist Kind" ist der Name einer Kampagne, in der sie gemeinsam mit der NGO Asylkoordination sowie zahlreichen weiteren Asyl-Einrichtungen fordern, dass alle Fluchtwaisen in Österreich so behandelt werden wie hier geborene Kinder. Dass sie ab dem ersten Tag in die Schule gehen und ihre Talente entdecken können. Denn jedes Kind hat das Recht auf ein sicheres Zuhause – egal woher es kommt.

Wie es Ali, den ich damals in Traiskirchen traf, heute geht und wo er jetzt lebt, das weiß ich leider nicht. Aber das letzte, was ich von ihm hörte, war vielversprechend. Als die Stadt Wien im FALTER von dem Buben las, der in die Schule gehen will, organisierte das Jugendamt einen Platz in einer betreuten Wohngemeinschaft der Stadt. Ali durfte endlich das, was er sich so sehr wünschte: ein Schulkind sein.

Nina Horaczek

Das viel kritisierte System der "Deutschförderklassen", in dem Schüler mit unzureichenden Deutschkenntnissen vom Rest der Klasse abgesondert werden, gerät durch die Ukrainekrise weiter unter Druck. Wien ruft pensionierte Lehrerinnen und Pädagoginnen zur Unterstützung auf, weil Personal fehlt, schreibt Melisa Erkurt in ihrer dieswöchigen Kolumne. Und wirft eine berechtigte Frage auf: Im Wissen, dass weiterhin geflüchtete Kinder zu uns kommen werden; hätte man sich nicht etwas Neues zur schulischen Sprachförderung überlegen können?

Die Corona-Pandemie und jetzt auch noch der Krieg in der Ukraine: Man mag von der türkis-grünen Regierung halten, was man will, aber so viel muss man ihr zugestehen: Leichte Rahmenbedingungen hatte sie nicht. Jetzt wickelt der U-Ausschuss auch noch das türkise Erbe ab. Schafft die Koalition das alles? Wir versuchen uns im aktuellen Heft an einer Einschätzung.

"Trotz Krieg in Europa, Energiekrise, Klimakrise und Biodiversitätskrise bleiben gesellschaftliche Einschränkungen im Sinne des Energiesparens tabu", schreibt Benedikt Narodoslawsky im heute erschienenen FALTER.natur-Newsletter. Aber werden wir die Klimakrise ohne spürbare persönliche Einschnitte je bewältigen können? Mehr zur klimapolitischen Gretchenfrage lesen Sie hier. Den Newsletter, (der übrigens heute Geburtstag feiert – wir gratulieren ganz herzlich!) können Sie hier kostenlos abonnieren.

Und noch etwas gibt es zu feiern: 30 Jahre Hermes Phettberg im FALTER! Seit 1992 schreibt der Künstler seine wöchentliche Kolumne "Predigtdienst" zu einem breiten Themenspektrum von der 68-Bewegung über eine kollektive Darmfahrt bis zu Rosenkranz und Streichelstreifenpeitsche. Die ersten drei Jahre der Kult-Kolumne sind auch als Buch erschienen. Wir gratulieren unserem Kolumnisten und freuen uns auf viele weitere Predigten!

Bauen wir im Wiener Umland bald Weizen statt Spargel an? Wird es am Gürtel einen Wald geben? Wie soll das funktionieren, raus aus fossilen Energien in Wien? Diese Fragen will Robert Misik im Gespräch mit Wiens Klima-Stadtrat Jürgen Czernohorsky klären. Das Gespräch fand am 16.03.2022 im Bruno Kreisky Forums statt.


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