"Wir stellen die Arbeit ein" - FALTER.maily #772

Stefanie Panzenböck
Versendet am 01.04.2022

"Wir stellen die Arbeit ein", lautet die aktuelle Schlagzeile der russischen Zeitung Nowaja Gaseta. 1993 von Dmitri Muratow gegründet – 2021 wurde er mit dem Friedensnobelpreis geehrt – war sie seither eine der kräftigsten unabhängigen Stimmen in Russlands Öffentlichkeit. Fünf Journalistinnen und Journalisten wurden in den 29 Jahren des Bestehens der Zeitung ermordet. Eine von ihnen war Anna Politkowskaja, die über Verbrechen der russischen Armee während des Tschetschenien-Krieges berichtete. Im Oktober 2006 wurde sie vor ihrem Wohnhaus in Moskau erschossen.

"Wir haben eine weitere Warnung von Roskomnadzor erhalten", schreiben die Nowaja-Gaseta-Herausgeber auf ihrer Website. Roskomnadzor ist die russische Zensurbehörde. "Nun setzen wir die Veröffentlichung der Zeitung auf der Website, in Netzwerken und auf Papier aus – bis zum Ende der 'Sonderoperation auf dem Territorium der Ukraine'".

Anfang März musste der renommierte und ebenfalls unabhängige Radiosender Echo Moskwy seinen Betrieb einstellen. Und es trifft auch Medien, die dezidiert im Kulturbereich verankert sind, wie das Portal colta.ru. "Die Meinungsfreiheit ist jetzt auf null reduziert", teilen die Herausgeber ihrer Leserschaft mit. "Nur über Kultur zu schreiben und die Gesellschaft außen vor zu lassen", sei aber nicht möglich. Deshalb ziehen sie es vor, fürs Erste zu schweigen.

Einen detaillierten Einblick in die Debatten der Moskauer Kulturszene von Erich Klein finden Sie hier.

Ähnlich wie colta.ru ergeht es auch "Teatr", der renommierten russischen Theaterzeitschrift, wie die APA berichtete. Sie werde "temporär" eingestellt, als Online- wie auch als Printprodukt, schrieb das Herausgebergremium in einem Brief an Chefredakteurin Marina Davydova.

Davydova selbst musste Russland vor wenigen Wochen verlassen. Sie hatte eine Petition gegen Putins Krieg in der Ukraine formuliert und wurde danach in ihrer Heimat überwacht und massiv bedroht. In einem Interview mit dem FALTER sagte sie damals: "Ich kann es kaum glauben. Ich bin keine politische Aktivistin, sondern Kritikerin und Theaterhistorikerin. Und die Behörden sind bereit, so viel Zeit und Geld in meine Überwachung zu investieren. Es ist schrecklich und lächerlich zugleich." Dass auch Menschen aus dem Kulturbetrieb in dieser Weise bedroht würden, sei neu.

Über die Einstellung ihrer Zeitschrift zeigt sich Davydova schockiert. "Jeder weiß schon lange, dass es in Russland fast keine unabhängigen Medien mehr gibt. Aber 'Teatr' ist keine politische, sondern eine professionelle Theaterzeitschrift. Ihr Gründer ist keine staatliche Struktur, sondern ein unabhängiger öffentlicher Verband, die Union der Theatermacher (STD). Formal ist die STD dem Staat überhaupt nicht unterstellt", beschreibt Davydova die Situation gegenüber dem FALTER. Außerdem erhalte die Zeitschrift "einen Großteil der Gelder von einem unabhängigen Sponsor - der Mikhail Prokhorov Foundation, d.h. auch der Staat kann uns kein Geld vorenthalten."

Wie kam es also zur Einstellung der Zeitschrift? Davydova betont, dass sie zum Leiter des Theaterverbands ein gutes Verhältnis habe. "Die Tatsache, dass er mir einen solchen Brief geschickt hat, kann nur eines bedeuten: Er hat Angst vor dem Umgang mit der Person, die die Petition gegen den Krieg geschrieben hat. Ob Druck auf ihn ausgeübt wurde, weiß ich nicht." Was geschehen sei, beweise eindeutig, "dass in Russland die Menschen Angst vor ihrem eigenen Schatten haben und die Geheimdienste hier alle Regierungszweige und alle Lebensbereiche unterjocht haben". Sie hoffe, dass "Teatr" wiederbelebt werden könne, eventuell außerhalb Russlands.

Aktuell funktioniert die Online-Ausgabe aber noch. Sie sei, sagt Davydova, nicht im Besitz der Herausgeber, sondern der Redaktion – und die geht ihrer Arbeit nach. Weiterhin werden Nachrichten und Rezensionen publiziert. Und eine Chronik des Krieges in Zusammenhang mit der Kulturwelt. "Wir beobachten weiterhin, was in dieser schwierigen Zeit mit dem Theater und der Kultur im Allgemeinen passiert", teilt die Redaktion ihren Leserinnen und Lesern mit. Heute, am 1. April, berichtet sie unter anderem über die Absage des Dokumentarfilmfestivals Artdoc, das während den Vorbereitungen zur diesjährigen Ausgabe ständig Behördenschikanen ausgesetzt war, wie auf der Website nachzulesen ist.

Am Ende seiner Erklärung schreibt das Artdoc-Team: "Wir werden zu einem freien und demokratischen Russland zurückkehren. Wir glauben daran."

Ich wünsche Ihnen, trotz allem, ein angenehmes Wochenende,

Stefanie Panzenböck

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