Westsplaining - FALTER.maily #776

Barbara Tóth
Versendet am 06.04.2022

Sie kennen vielleicht den Begriff Mansplaining. Es bezeichnet die Vorliebe vorwiegend älterer, weißer Männer, Frauen, meistens jüngeren Frauen die Welt zu erklären. Dabei verwenden sie gerne Wörter und Phrasen wie "ich" "immer schon" "gewusst" "gesagt" "geschrieben" "du solltest" "höre auf meinen Rat".

In den sozialen Medien Osteuropas kursiert seit Beginn des Vernichtungskrieges Russlands gegen die Ukraine ein an "Mansplaining" angelehnter Begriff: Westsplaining. Darunter verstehen osteuropäische Intellektuelle Versuche ihrer westeuropäischen und amerikanischen Kollegen, der Ukraine im Besonderen und Osteuropa im Allgemeinen ihre Erklärperspektive aufzudrängen.

An dieser Stelle sollten wir vielleicht einmal kurz über den Begriff "Osteuropa" nachdenken. Meine Mutter ist Tschechin, mein Vater Ungar. Meine Prager Verwandten scherzen bis heute, dass Prag westlicher als Wien liegt. Als "Osteuropäer" würden sie sich selber nie bezeichnen. Belarus, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, die baltischen Staaten, die Republik Moldau, Rumänien und Bulgarien: Was in öffentlichen Meinungen da so alles unter "Osteuropa" gebündelt wird, sagt viel darüber aus, wie wenig wir über diese Nationen wissen.

Der Außenblick auf Osteuropa erinnert den polnischen Schriftsteller Szczepan Twardoch an den Außenblick auf Afrika. "Welche Gemeinsamkeiten haben ein Einwohner von Äquatorialguinea und ein Einwohner von Lesotho?", sagte er im Spiegel. "Liebe westeuropäische Intellektuelle: Ihr habt keine Ahnung von Russland!", ärgert er sich in einem Gastbeitrag für die Neue Zürcher Zeitung.

Was genau fällt nun unter Westsplaining? Zum einen die Erzählung, dass die Osterweiterung der NATO Russland zum Angriff auf die Ukraine veranlasst habe. Man habe den russischen Präsidenten Wladimir Putin in die Enge getrieben wie ein Tier (gerne wird das Bild eines Bären verwendet), der dann eben zurückgebissen habe. Das perfide am Westsplaining ist, dass es in seiner Kalten-Kriegs-Logik Putins Legendenbildung von der Ukraine, die heim ins russische Reich geholt gehört, indirekt aufgreift. Aus Sicht der Osteuropäer ist das eine krasse Entmündigung.

Ihre Länder kommen im Westsplaining-Narrativ nämlich einmal mehr nur als Spielball der Großmächte vor, mal Pufferzone, mal Aufmarschgebiet, je nach imperialistischer Großwetterlage und jedenfalls Objekt und nicht Subjekt. Bis auf Weiteres dem Schicksal als Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse ausgeliefert.

Westsplaining passiert also immer dann, wenn jemand "über Osteuropa und die Osteuropäer spricht, aber nicht auf die Stimmen vor Ort hört und nicht versucht, die Komplexität der Region zu verstehen", schreiben die beiden Politologen Jan Smolenski und Jan Dutkiewicz in einem viel zitierten Beitrag für die Zeitschrift The New Republic. Daraus entstehe dann "eine koloniale Projektion".

Nicht die NATO hat sich nach Osten erweitert, sondern Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn haben aus eigener Kraft in die NATO gedrängt, sie war für sie die logische Antwort nach Jahren der Unterdrückung durch das Sowjetregime. Die NATO steht für sie für Wohlstand, Freiheit und Sicherheit.

Unter Westsplaining fällt auch, wenn Intellektuelle des Westens sich untereinander oder Ukrainerinnen und Ukrainern erklären, was sie zu tun hätten und was nicht. "Langsam ermüden mich Kommentare von Amerikanern, die anderen Amerikanern ausrichten, wie sie die Zukunft der Ukraine gestalten können", schreibt der Historiker Timothy Snyder dazu jüngst auf twitter.

Wie recht er doch hat.

Ihre Barbara Tóth

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