Canceln - FALTER.maily #778

Gerhard Stöger
Versendet am 08.04.2022

Kurdwin Ayub, Wiener Filmemacherin mit Wurzeln im Irak, sorgte vergangenen Dienstag mit ihrem Langfilmdebüt "Sonne" für den Auftakt des Austro-Filmfestivals Diagonale, das noch bis Sonntag in Graz läuft. Ayub erzählt die Geschichte dreier weiblicher Teenager, die in Hidschabs ein improvisiertes Video drehen und damit einen Internethit landen; der Film thematisiert Identität, kultureller Aneignung, Religion, Freundschaft und Respekt.

Im Interview mit dem Standard äußerte sich Ayub auch zum viel diskutierten Vorfall rund um eine Fridays-For-Future-Demo in Deutschland, bei der eine Musikerin, die eigentlich auftreten sollte, kürzlich wieder ausgeladen wurde, weil sie Dreadlocks trägt. Die Veranstalter:innen werteten ihre Frisur als Cultural Appropriation, die in diesem aufgeklärten Kontext problematisch sei.

"Das ist ein bissl zu arg", bemerkte Ayub dazu. "Am liebsten habe ich es ja, wenn Leute, die nichts mit Diskriminierung zu tun haben, andere Leute diskriminieren, die auch nichts damit zu tun haben! Da denke ich mir: Ihr habt zu viel Zeit!" Ein sympathisch pragmatischer Ansatz: Das Augenrollen darf man sich dazudenken, eine besserwisserische Zurechtweisung bleibt aus.

Zwischen der Musikerin mit dem verfilzten Haar und der zuständigen Fridays-for-Future-Ortsgruppe hat es in weiterer Folge offenbar kein böses Blut, sondern klärende Gespräche gegeben, alles halb so wild also. Die zugehörige Debatte freilich hatte aus einer Mücke wieder einmal einen Elefanten gemacht, kaum ein Medium – von Qualitätsfeuilleton bis Boulevard – kam an der Geschichte vorbei. "Fridays for Future, hallo, geht’s noch?" lautete der Tenor, teils hämisch direkt, teils als Subtext kluger historischer Einordnungen zur symbolischen Kraft von Dreadlocks als in unterschiedlichen Kontexten anzutreffendes Zeichen des Widerstands.

Schon klar, die sogenannte Wokeness – also eine große Sensibilität jeglicher Diskriminierung von Minderheiten gegenüber, verbunden mit dem Anspruch, korrekt zu handeln – schießt bisweilen tatsächlich übers Ziel; im schlechtesten Fall überkommt sie zu einer eitlen Form moralischer Selbstüberhöhung. Nur stehen diese Kollateralschäden emanzipatorischer Bestrebungen halt in keinem Verhältnis zu dem, was ein, zwei Umdrehungen weiter unter dem Stichwort „Cancel Culture“ in der öffentlichen Debatte daraus gemacht wird.

Inwiefern „Cancel Culture“, also das Verhindern missliebiger Positionen und Debattenbeiträge in Kunst und universitärem Betrieb, ein echtes Problem oder eventuell doch nur ein Schreckgespenst respektive eine Sache unterschiedlich gearteter und künstlich hochgespielter Einzelfälle darstellt, ist mindestens umstritten. Dass „Cancel Culture“ längst als rechter Kampfbegriff verwendet wird, ist hingegen ganz offensichtlich. Als perfide und leider höchst erfolgreiche Strategie nämlich, emanzipatorische Bestrebungen zu diskreditieren.

Gerhard Stöger

Die berühmtesten Dreadlocks im Pop gehörten Bob Marley. Der 1981 jung an Krebs verstorbene jamaikanische Reggae-Superstar hatte auch ein Herz für die aufkommende britische Punkkultur, wie dieser schöne Song von 1977 zeigt. Die Bad Brains haben um 1980 ebenfalls Reggae gespielt, allerdings nur im Ausnahmefall. Zumeist stand Hardcore-Punk an der Tagesordnung, als eine wunderbare Form kultureller Aneignung: Die schwarze Band aus Washington, D.C., die eine weiße Kulturform pflegt – und für einige der schärfsten Energieschübe des Genres überhaupt verantwortlich zeichnete, etwa "Sailin On".

Ulrich Seidls neuer Film "Rimini" läuft seit heute im Kino. In der tragischen Hauptrolle des heruntergekommenen Schlagersängers Richie Bravo glänzt der Wiener Schauspieler Michael Thomas. Wolfgang Kralicek hat ihn für die aktuelle Titelgeschichte unserer Kultur- und Programmbeilage FALTER:WOCHE liebevoll porträtiert.

Mein Kollege Klaus Nüchtern ist nicht nur Literatur- und Jazzkritiker, FALTER-Vogel- und Wanderwart, Sachbuchautor, Gestalter von Rundfunksendungen und Mitorganisator der öffentlichen Literatur-Debattenreihe "Tea for Three", er betreibt auch ein CD-Label. Auf Handsemmel Records veröffentlicht er im losen Zwei-Jahres-Rhythmus österreichische Jazzproduktionen. Die frischeste Semmel, "The Mighty Roll" stammt vom neunköpfigen Ensemble Handsemmel Workestra, die Präsentation findet kommenden Montag im Porgy & Bess statt. Ein Hinweis für Nicht-Wiener:innen: Das Konzert ist über die Porgy-Website auch im Livestream verfügbar.

"KlimaaktivistInnen werden manchmal als gefährliche Radikale dargestellt. Doch die wirklich gefährlichen Radikalen sind die Länder, die die Produktion fossiler Brennstoffe vorantreiben."

Anlässlich des neuen Berichts des Weltklimarats hielt UN-Generalsekretär António Guterres eine außergewöhnlich scharfe Rede, die Potenzial hat, in die Geschichte einzugehen. Benedikt Narodoslawsky hat sie übersetzt und im heute erschienen FALTER.natur-Newsletter abgetippt.

Einem Gespräch zwischen Benedikt Narodoslawsky und der Doyenne der österreichischen Klimaforschung, Helga Kromp-Kolb, können Sie im FALTER-Radio lauschen.

Lange Zeit undenkbar, plötzlich nicht mehr unrealistisch: In Frankreich könnte die Rechte Marine Le Pen den amtierenden Staatspräsidenten Emmanuel Macron bei der Wahl am Sonntag besiegen. Wie konnte es so weit kommen? Hier lesen Sie eine Analyse von Danny Leder aus Paris.


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