Ein kleiner Trost - FALTER.maily #779

Armin Thurnher
Versendet am 10.04.2022

In dieser Woche, die für Christen beträchtliche Bedeutung hat, – man betrachtet sich und die Welt in der Perspektive von Leid, Tod und Auferstehung, – ist der heutige Tag der Palmsonntag. An diesem Tag erinnere ich mich immer eines jungen Mannes, der in den 1970er-Jahren, als „K-Gruppe“ noch ein Haushaltswort war (es bezeichnete kommunistische, meist maoistisch orientierte Gruppierungen, die sich nach der 1968er-Revolte bildeten), ganz selbstverständlich meinte, die Karwoche sei nach diesen Gruppen benannt.

Für christliche Besinnung sind in dieser Woche unsere Leitartikler zuständig; für die Dekoration mit prunkvollen bunten Covers zwischen Osterhasen und Goldornat sorgen die Boulevardmedien; die gefärbten Eier kaufen wir im Supermarkt (zu große und zu kleine, die aussortiert werden mussten, weil im Supermarkt alles immer schön gleich groß ist, freuen uns, direkt vom Erzeuger kaufen zu können).

Ja, so ist sie, die Karwoche. In den Konzerthäusern spielt man eine der großen Passionen des Johann Sebastian Bach. Überall auf der Welt fließt Blut, wie immer ist es auch Blut Unschuldiger, Unbeteiligter, von Menschen, die der sogenannten Geschichte in den Weg gerieten, wie das so ist, wenn „die Großen mit den Menschen spielen“. Der Kardinal erlaubt den Export von Waffen, mit Recht, und wir sind Partei in einem Krieg, obwohl wir doch grundsätzlich gegen Krieg sind.

Es gibt da keinen Trost, außer der Kraft, sich zu widersetzen.

Dieser Trost wird allzu leicht von Gegenkräften aufgezehrt, welche die Situation für sich ausnützen, von Leuten, die solche Krisen dazu gebrauchen, mit Energiepreisen zu spekulieren oder schnell den Bau ein paar neuer Atomkraftwerke durchzupeitschen. Wir bewundern den Widerstandsgeist der ukrainischen Bevölkerung, sind aber selbst diesem Krieg moralisch nicht immer gewachsen.

Der pazifistische Impuls tritt zugunsten des Widerstandsrechts zurück. Mit Recht räumt das auch der Kardinal ein, ich sagte es. Dass wir uns von russischem Gas und Öl in unverantwortlicher Weise abhängig gemacht haben – fast schon egal, ob aus Korruption oder dem Diktat des Marktes folgend – ist das eine. Dass uns aber wenig einfällt, außer einen möglichen Boykott russischer Gaslieferungen zu blockieren, weil wir nicht bereit sind, die Folgen zu tragen, dass wir aber zugleich in P-.R.-mäßig umfassend orchestrierten Staatsbesuchen unsere Solidarität kundtun, das scheint mir dürftig, zumindest beklagenswert.

Trost gibt es nicht. Aber es gibt die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Sie ist eines der größten Kunstwerke aller Zeiten, und man kann sich in ihren Raum begeben wie in einen Schutzraum. Je nach Version verbringt man dort knapp drei Stunden, und wenn Sie es tun, sollten Sie versuchen, das am Stück zu tun. Alle Wörter sehen seltsam aus in diesen Zeiten, so auch das Wort Schutzraum. Und seltsam klingt auch jenes Wort des Dirigenten John Eliot Gardiner, dem Autor des besten Bach-Buchs, das ich kenne: „Bach. Musik für die Himmelsburg.“ Er schreibt, dass sich manche von uns „nach dem Eintauchen in dieses Kunstwerk sehnen, das einen Raum und eine Zeit erschafft, die eine Zuflucht vor dem unablässigen Bombardement mit Klangfetzen bieten.“

Ein kleiner Trost in der Zeit von Krieg und Flucht. Aber immerhin ein Trost.

Ich wünsche Ihnen trotzdem eine schöne Woche.

Armin Thurnher

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