L'homme en colère - FALTER.maily #780

Lina Paulitsch
Versendet am 11.04.2022

Am Sonntag um elf Uhr abends haben sie noch gezittert, gehofft. Der Abstand zwischen Marine Le Pen (extreme Rechte) und Jean-Luc Mélenchon (extreme Linke) lag bei 0,8 Prozent. Er war entscheidend für den Einzug in die Stichwahl. "Vielleicht passiert noch ein Wunder, morgen Früh!", frohlockten meine französischen Freunde am Telefon. 

Zwar kam es wie erwartet: Das Duell am 24. April findet zwischen dem Neoliberalen Emmanuel Macron und Marine Le Pen vom Rassemblement National statt. Trotzdem bleibt die Aufholjagd von Mélenchons Partei La France Insoumise bemerkenswert. 

Mélenchon ist der bodenständige Gegenentwurf zum schicken Präsidenten Emmanuel Macron. Er gilt als Enfant terrible, als Choleriker, der in Reden brüllt und gestikuliert wie in einem Louis De Funès-Film. Als 2018 eine Hausdurchsuchung in seinem Büro stattfand, schleuderte er den Ermittlern die inzwischen legendäre Phrase "La République, c’est moi!" (Die Republik bin ich!) entgegen. Videos des schimpfenden und fast handgreiflichen Parteichefs gingen viral. Für seine Marke war das gar nicht schlecht. Noch bevor ein Shitstorm entstehen konnte, machte Mélenchon den Satz kurzerhand zum Parteislogan und ließ ihn auf T-Shirts und Jutebeutel drucken. 

So gut wie alle meine Freunde in Frankreich wählten am Sonntag Mélenchon. Für die einen war es bloße Strategie, aus reiner Genervtheit heraus. Die französische Linke hatte sich vorab in unzählige Kleinparteien aufgespalten, die sich gegenseitig die Stimmen klauten. Die einst staatstragenden Sozialisten dümpeln jetzt etwa bei 1,7 Prozent, die Grünen bei 4,7. Da es bei den Präsidentschaftswahlen nur ums Gewinnen geht, war Mélenchon für viele der aussichtsreichste linke Kandidat.

Andere wählten ihn aus Überzeugung. Der 70-Jährige punktet vor allem bei der jungen Wählerschaft. Er wurde 1951 in Marokko geboren, erlebte als Kommunist das Jahr 1968 an vorderster Front und wurde Lehrer. Anders als die französische Politiker-Elite kommt er aus keiner einflussreichen Familie, besuchte nicht die Kaderschmiede École nationale d’administration (ENA) und distanzierte sich früh vom Rechtsruck des Parti Socialiste.

"Man muss das ganze System umwerfen!", brüllte er auf Wahlveranstaltungen und bediente die wunderbarste aller französischen Traditionen, l’indignation, die Empörung. Mélenchon hat mit seinen Forderungen überzeugt: 1.400 Euro Mindestlohn, einem gedeckelten Benzinpreis, Pension ab 60. Es gibt ihn also doch, einen linken Populismus.

Nach der Niederlage am Sonntag musste ich meine Freunde nicht lange trösten. Naja, so richtig habe man sich das eh nicht vorstellen können. Es wäre halt einfach lustig gewesen, zum Beispiel die TV-Debatte zwischen Macron und Mélenchon. Leider habe es da ja auch noch seine Russland-freundlichen Sager gegeben oder den angestrebten NATO-Austritt Frankreichs. Und diesen fanatischen Hass gegen die USA und sein Lügenpresse-Gekreische. Ein bisschen wirr wirke er manchmal schon, der l'homme en colère, der Wut-Opa.

Lina Paulitsch

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