Ansichten des einfachen Soldaten M. - FALTER.maily #782

Eva Maria Konzett
Versendet am 13.04.2022

Lassen Sie mich Ihnen heute eine kleine Episode erzählen von der Reise mit Karl Nehammer nach Kiew. Aber es soll nicht um den Kanzler gehen, um keinen Amtsträger, nein. Sondern um einen 29-jährigen Soldaten. Nennen wir ihn Maxim.

"Also das geht einfach gar nicht!", plötzlich ist er da im Türbogen, der junge Militär. Er hat die Feldjacke abgelegt, Tarnfleckhose, olivgrünes Kurzarmshirt. Ein bisschen wie der ukrainische Präsident Selenskyi schaut er aus, nur größer, kräftiger. Football-Schultern.

"Ihr könnt das nicht machen", sagt er. Vor etwa einer Stunde hat die österreichische Gruppe an diesem Samstagabend, den 9. April, Kiew verlassen. Jetzt sitzt die Reisegruppe, Kanzler Nehammer und seine Kabinettsleute, die Sicherheitskräfte und eben die Journalisten in den engen Abteilen des Sonderzugs. Nehammer ganz vorne, im letzten Waggon die Presse. Zwei Betten pro Koje, extra Wolldecken für die Kälte der Nacht. Elf weitere Fahrtstunden liegen vor, ein ganzer Tag in der Kiewer Hauptstadt und in Butscha hinter ihnen. 

Die Bundesheerler haben Pulvernahrung verteilt, in Kiew war die Gastronomie geschlossen. Deshalb also Kartoffeleintopf, Boeuf Stroganoff oder Pasta mit Steinpilzen.

Brennwert pro 100 g Trockenprodukt: 448 kcal
Fett: 21 g
davon gesättigte Fettsäuren: 12 g
Kohlenhydrate: 52
davon Zucker: 10 g
Eiweiß: 10 g
Salz: 3,5 g

Ein Soldat des Jagdkommandos ist extra von Koje zu Koje gegangen, um die fachgerechte Zubereitung der "Combat Rations" zu erklären: Heißes Wasser in das Sackerl schütten, dieses schließen, an einer waagrechten Stelle ein paar Minuten ziehen lassen. Mit dem Plastiklöffel umrühren. Zum Glück hat jeder der drei Waggone einen eigenen Samowar. Kochwasser, das für Tee gedacht wäre, mischt jetzt irgendwo in der ukrainischen Pampa hochkalorisches Soldatenessen an.

Da hat Maxim uns gesehen, meine Kollegin Siobhán Geets und mich. Wir haben uns beim Samowar im Mittelwaggon bedient, wo auch die ukrainischen Soldaten einquartiert sind. Und jetzt steht Maxim da, schüttelt immer noch den Kopf. In der Hand eine Tupperware-Box, die er uns entgegenstreckt: "Eat this!"

Es sei seine Abendration, aber er habe eh keinen Hunger, sondern eher Mitleid. Frauen, die aus Tüten essen? So etwas Seltsames, da gebe es gar keine Worte dafür. In der Box: Gekochter Buchweizen und ein faustgroßer Hackfleischball. Maxim grinst herausfordernd.

Er wirkt jünger als er ist. Geboren in Kiew. In der Armee, seit er 19 ist. Jetzt tut er Dienst in der Leibgarde, die den Personenschutz für hochrangige Politiker macht. 1200 Euro nimmt er dafür im Monat, ein ordentlicher Sold.

Wenn Maxim nicht Karl Nehammer beschützt, dann den ukrainischen Premier. Den Präsidenten. Während wir die selbstgemachte Buchweizengrütze runterschlingen, erzählt Maxim.

Was denkst Du über diesen Krieg? 

“Wir sind seit 2014 im Krieg”. 

Warum bist Du Soldat geworden?

“Ich hätte auch Rugby spielen können in Österreich, aber ich bin Ukrainer und hier ist es jetzt halt gerade so.”

Wie so?

“Dass die Burschen Soldaten werden. Das haben wir uns nicht ausgesucht.”

Bist Du gern Soldat?

“Ich kenne nichts anderes.”

Was machst Du, wenn Du frei hast?

“Ich gehe gerne fischen. Kennt ihr die Flüsse und Seen rund um Kiew? Ich jage gern. Ich bringe meinen eigenen Speck als Proviant”.

Wer versorgt die ukrainischen Soldaten?

"Wir selbst. Ortsangehörige. Combat Rations haben wir keine. Brauchen wir auch nicht."

Wie lange wird dieser Krieg noch dauern?

“Für die Russen ist es ja nicht einmal ein Krieg, sondern eine Spezialoperation. Wann es ein Ende haben, das entscheiden irgendwelche Männer in irgendwelchen Räumen. Mit uns hat das doch nichts zu tun. Wir haben nur die Folgen”. 


Er zeigt aus dem Fenster hinaus. Er zuckt mit den Schultern. An diesem Samstagabend, den 9. April 2020, wird Maxim nichts essen, damit er nicht müde wird. Seine Kameraden und er müssen die Nacht über Wache halten. Um kurz vor sieben Uhr in der Früh werden sie an der ukrainisch-polnischen Grenze rausspringen. Wir werden weiterfahren, nach Hause, nach Westen. Er wird zurückfahren, nach Hause, ins Kriegsgebiet.

Ihre Eva Maria Konzett

Der Sender Arte zeigt aus aktuellem Anlass den Film Mariupolis des litauischen Filmemachers Mantas Kvedaravičius. Er hatte den Film 2014 während der ersten Belagerung der Stadt durch die Russen gedreht. Als Russland die Ukraine am 24. Februar angriff, arbeitete Kvedaravičius an einem Spielfilm in Uganda, brach alles ab und kehrte nach Mariupol zurück. Wahrscheinlich am 2. April 2022 wurde er dort getötet. Zuerst hieß es, der 45-Jährige sei bei einem Raketenangriff umgekommen, laut FAZ aber wurde der Mann von russischen Truppen hingerichtet. Er soll auf einer Todesliste gestanden haben.

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