Verzweifelte Wissenschaft - FALTER.maily #783

Katharina Kropshofer
Versendet am 14.04.2022

Stellen Sie sich vor, Tausende führende Klima-Wissenschafterinnen und Wissenschafter würden wochenlang die einschlägige Literatur durchforsten, das ganze prägnant zusammenfassen und eine klare Botschaft in die Welt senden: "Das Fenster, eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft für alle zu sichern, schließt sich." Und stellen Sie sich nun vor, dass diese Botschaft kaum Leute erreicht und wenn, dann nur als eine dieser Nachrichten, die man schnell überblättert. Hat man doch schon mal gehört, nervt eigentlich ein bisschen. Und überhaupt: Wie schlimm kann es denn sein?

Es grenzt an Absurdität: In der LA Times schaffte es die Nachricht mit dem Titel "Earth on track to be unlivable", die Erde auf dem Weg zur Unbewohnbarkeit, zur Randnotiz, irgendwo auf Seite drei. Eine Hiobs-Botschaft zwischen Berichten über Straßensperren aufgrund von Bauarbeiten und dem täglichen Horoskop. War da was? 

Auf Twitter zirkuliert ein Clip aus dem britischen Frühstücksfernsehen. Eine junge Aktivistin muss darin auf Aussagen von Journalist:innen wie "Dieser Slogan 'Stop oil' ist doch wirklich kindisch" reagieren. Jemand hat sich die Mühe gemacht, das Video mit einem Ausschnitt aus dem Film "Don’t Look up” zusammenzuschneiden. Viel muss man dazu nicht sagen. 

Wer die Klimakrise anspricht, ist immer ein wenig der Spaßverderber. Es tut mir auch leid, aber ignorance ist in diesem Fall nicht bliss, Unwissenheit kein Segen. Die Klimakrise orientiert sich nicht an Medienlogik, nimmt keine Rücksicht darauf, welche Kriegsverbrechen zeitgleich mit Rekordtemperaturen in den Polarregionen geschehen

Die Wege, um an Aufmerksamkeit zu kommen, scheinen auch deswegen in den letzten Wochen und Monaten dramatischer, radikaler zu werden. Und es sind nicht nur Aktivist:innen, die vermehrt ihre Methoden ausweiten, zivilen Ungehorsam machen: Auch britische Forscher:innen griffen nur wenige Tage nach der Veröffentlichung des IPCC-Berichts zu rigorosen Mitteln. Sie, die jahrzehntelang mit ihren monotonen, strikt vorgegebenen Mitteln informiert und nur passiv gewarnt hatten, sahen keinen anderen Weg mehr, als zuerst wissenschaftliche Papers, dann ihre Hände an die Türen von Regierungsgebäuden und des Shell-Hauptquartiers zu kleben, sich verhaften zu lassen. Ein Aufschrei, endlich gehört zu werden. 

Nicht unbedingt das, was man sich von Forscher:innen an einem normalen Mittwochvormittag erwarten würde. Wieso? Er wisse nicht, was er sonst noch machen solle, um die notwendige Aufmerksamkeit zu bekommen, sagt ein Ökologe, der auch Mitglied der Scientists Rebellion ist. Der Biodiversitätsforscher Charlie Gardner meint im Podcast mit der britischen Zeitung Guardian, er dachte immer, die beste Art, die Umwelt zu schützen sei es, Informationen über sie zusammenzutragen. Aber es habe sich gezeigt, dass das eine naive Denkweise sei. "Das Problem hat nichts mit fehlender Information zu tun. Sondern mit Mächten, die dagegen anwirken." Der Klimawissenschafter Peter Kalmus hat die Motivation seiner Kolleg:innen hier zusammengefasst.

Ich würde Ihnen gerne ein "Alles wird gut" mitgeben. Doch manchmal sind es auch die kalten Fakten, die ihre Wirkung haben. 

Und die kalten, eindeutigen Fakten, was nun zu tun ist, gibt es auch. Kolleginnen und Kollegen der Treibhauspost, ein Newsletter über die neuesten Entwicklungen im Klimabereich, haben eine To-Do-Liste geschrieben: Solar- und Windenergie ausbauen, weniger Fleisch essen, Wälder und Ökosysteme erhalten. Jetzt müssen wir nur noch die Schallmauer der Ignoranz durchbrechen.

Katharina Kropshofer

Wir diskutieren übrigens auch in der Redaktion immer wieder, wie eine gute Klimaberichterstattung aussehen sollte. Ich würde mich auch über Ihr Feedback freuen: Was lässt Sie sofort weiterblättern/klicken? Worüber würden Sie in Sachen Klimakrise gerne mehr wissen? 

Hier nochmal der Guardian Science Weekly-Podcast mit Charlie Gardner, der darüber spricht, wieso auch Wissenschafter:innen nun auf die Straße gehen.

Wer kennt ihn noch? Dreieinhalb Monate nach seinem unerwarteten Abgang aus der Politik wurde Heinz Faßmann Mitte März zum neuen Präsidenten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gewählt. Im Interview mit meinen Kolleginnen Anna Goldenberg und Barbara Tóth spricht er über die Rolle der Wissenschaft und seine Ministervergangenheit.

Noch ganz was anderes: Zum Anlass der neuen Verfilmung von Christine Nöstlingers "Geschichten vom Franz" haben Gerhard Stöger und Lina Paulitsch ein Interview mit Ursula Strauss und Simon Schwarz geführt. Nöstlinger-Fans empfehle ich außerdem einen Besuch an ihrem Grab am Hernalser Friedhof. Und natürlich das legendäre Interview aus dem Archiv zum Anlass ihres 80. Geburtstags.


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