Farbenfeier - FALTER.maily #784

Matthias Dusini
Versendet am 15.04.2022

Man könne für den Bruchteil einer Sekunde Gott spielen, sagt der Maler Hubert Scheibl in einem schönen Filmporträt, das der ORF anlässlich von dessen heutigem 70. Geburtstag produzierte. Scheibl steht vor der Leinwand und spachtelt Farbmasse auf die Oberfläche. Jede Bewegung verändert das Resultat. Rot, Gelb und Blau vermischen sich zu wirbelnden Nebeln. Eine unebene Stelle an der Spachtel genügt, um Schlitze aufzureißen. Die plane Farbwand verwandelt sich in einen Dschungel, durch den Sonnenstrahlen blitzen. Oder sind das Halluzinationen, die einem zerebralen Kurzschluss entstammen? 

Scheibl gehört zu einer Generation, die in den 70er-Jahren den Tod der Malerei diskutierte. Videokamera und Rockgitarre lösten den Pinsel ab. Die feministische Kritik ließ den einsamen Atelierhelden alt aussehen. Man wollte hinaus auf die Straße, die Menschen bewegen wie Joseph Beuys oder für Frauenrechte kämpfen wie jene Videokollektive, denen die Kunsthalle Wien derzeit eine Ausstellung widmet. Einen Überblick finden Sie hier in der FALTER:WOCHE).

Einer Gruppe von Akademiestudenten gelang die Trendwende. In Österreich gehörten dazu Herbert Brandl, Otto Zitko, Gunter Damisch oder eben Hubert Scheibl. Die Neomaler lärmten zwar zeitgeistig in Postpunk-Bands, probierten aber gleichzeitig das traditionelle Medium. Im boomenden Kunstmarkt der 80er-Jahre hatten einige von ihnen rasch Erfolg, was ein Ressentiment bestärkte. Wichtige Kritiker wie Benjamin Buchloh assoziierten Malerei mit Kunstmarkt und konservativem Geniekult.

Für die betroffenen Künstler (in diesem Fall stimmt das Geschlecht) sollte das Konsequenzen haben. Sie bekamen zwar Ausstellungen in Museen und waren in Galerien willkommen, wurden aber von Kurator:innen und Theoretiker:innen abgesnobbt. Biennalen und Documentas definieren Aktualität, und diese Großausstellungen blieben den 80ies-Heroes meist versperrt.

Was für ein Missverständnis. Ein Blick auf Scheibls Bilder offenbart die Möglichkeiten des aus der Zeit Gefallenen. Sie befriedigen den Wunsch nach Regression, der im kindlichen Gekrakel zum Ausdruck kommt. Scheibls Handschrift erinnert an musikalische Notationen, die Assoziationen zu flirrenden Soundscapes auslösen. Cinemaskopegroße Formate mit abstrakten Farbräuschen wirken wie meditative Räume, die das Versteinerte schweben lassen und den Äther verflüssigen. 

Der Künstler, ein großer Kinofreund, nennt eine Szene aus Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968) als Parabel für sein Schaffen. Steinzeitmenschen werfen ein Hölzchen in die Luft. Während des Flugs verwandelt sich das Objekt in ein Raumschiff. Die Malerei hat die 15.000 Jahre von den Höhlen von Lascaux bis in Scheibls Atelier in Wien-Neubau überstanden. Meinem alten Freund Hubert, dem Höhlenbären mit dem Gespür für den Kosmos, wünsche ich noch viele Reisen in die Weiten des inneren Alls. 

Matthias Dusini

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