Der blutrote Magier - FALTER.maily #785

Matthias Dusini
Versendet am 19.04.2022

Kurz vor dem Aussteigen aus dem Nachtzug in Venedig, ich besuche gerade die Kunstbiennale, erreichte mich die Nachricht vom Tod des Hermann Nitsch. Der Künstler ist am Montagabend im Alter von 83 Jahren verstorben. 

Mit Nitsch verband mich eine Hassliebe. Zum ersten Mal bin ich ihm als Gymnasiast begegnet, als er in meiner Heimatstadt Meran im Kleinen Kunstpalast eine Malaktion veranstaltete. Umgeben von einer Entourage von Bewunderern, umgab Nitsch die Aura eines Stars. Im Wirtshaus packte er seinen eigenen Wein aus und fuhr einem Kumpel über den Mund, als der zu lange sprach. Bei der von einem TV-Team dokumentierten Performance attackierte Nitsch die Leinwand, ein Beispiel für Spontaneität und Leidenschaft. Plötzlich hielt er inne und neigte den Kopf zum Kameramann: „Is so recht?“ 

Vorlaute Schüler, die wir waren, ließen wir uns vom großen Namen nicht blenden. Wir wussten damals irgendwie etwas von der postmodernen Kritik an den authentischen Sixties. Nun bekamen wir die Probe aufs Exempel. Nitsch predigte das Ritual als Wiederkehr zu den sakralen Wurzeln der Kunst. In den Ausläufern der 68er-Bewegung wirkte das Unmittelbarkeitsprogramm der Wiener Aktionisten, deren künstlerischster Vertreter Nitsch war, ein wenig überholt. Zumindest hatten wir die Arroganz, seine Aktionsmalerei als unecht und inszeniert zu betrachten. Ich konnte nicht wissen, dass ich einmal Kunstkritiker werden und im Laufe der Zeit eine Bewunderung für den blutroten Magier aus Prinzendorf entwickeln würde. 

2004 besuchte ich ein mehrtägiges Orgien- und Mysterientheater und war damals leicht amüsiert über den schmalen Grad zwischen Tragödie und Komödie. Nitsch erinnerte mit weißem Gewand und Trillerpfeife an einen Bademeister, der eine sportliche Sekte dirigierte. Die im Falter erschienene Reportage hatte den ironischen Titel „Dead Bull verleiht Flügel“.

Erst im Nachhinein begriff ich die Einzigartigkeit des Geschehens: den Blutgeruch bei der Ausweidung des Stiers, die Ekstase der Modelle, denen das Blut über Gesicht und Körper lief. Das Noiseorchester, das sich zum dröhnenden Crescendo hochschaukelte.

Nitsch schuf an seinem Wohn- und Arbeitssitz Schloss Prinzendorf ein Welttheater, ein überwältigend sinnliches Gegenprogramm zu einer sich medial verflüchtigenden Gegenwart. Heutige Metaphysiker wie den Dirigenten Teodor Currentzis oder den Theatermacher Romeo Castellucci degradierte er zu Ministranten. Es gehört zu den Irrtümern neuer Kunstgeschichte, dass Nitsch nicht in New York, Wien oder Berlin, sondern im Weinviertler Mistelbach (und Neapel) ein Museum für sein Gesamtkunstwerk bekam. 

Am meisten beeindruckten mich die Interviews, in denen ich ihn als konzentrierten Intellektuellen kennenlernte. Waren die naheliegenden Fragen zur geringen Wertschätzung der Wiener Aktionisten in der österreichischen Öffentlichkeit einmal erledigt, lief er zur Hochform auf. Nitsch rief ein umfassendes Wissen über Friedrich Nietzsche, antike Mysterienspiele und Anton Bruckners Symphonien ab. Und fügte die Inspirationen zur Vision eines alles umfassenden Theaters zusammen.

Wie lästig müssen ihm die Skandale und Auseinandersetzungen mit Tierschützern gewesen sein. Die spöttischen Kommentare zu seiner Freundschaft mit dem Niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll. Herzlich sprach er über die alten Weggefährten der Wiener Anfänge, etwa Günter Brus oder Dieter Roth. 

Das letzte Mal besuchte ich ihn 2018, anlässlich seines 80. Geburtstags. Damals wollte ich noch einmal das ganze Nitsch-Epos erzählen. Wie unzählige andere Gäste lernte ich an diesem schönen Frühlingstag die Gastfreundschaft von Hermann und Rita Nitsch kennen. Die Pasta war al dente, der Sugo mit Kräutern aus dem Garten gewürzt. Der geliebte Weißwein funkelte im Glas. Eine Katze schlich um das Bein des Künstlers. Die Augen leuchteten zufrieden über dem wallenden Bart. Requiem aeternam dona ei, Domine. Et lux perpetua luceat ei.

Matthias Dusini

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