Hintergrundgespräch - FALTER.maily #797

Florian Klenk
Versendet am 03.05.2022

Kürzlich habe ich eine Spitzenpolitikerin zum Hintergrundgespräch getroffen, ihr Name und ihre Partei tun nichts zur Sache. Wir hatten uns schon lange nicht mehr unterhalten, wir kennen einander kaum persönlich, manchmal kritisiere ich sie hart, manchmal finde ich sie richtig gut.

Da saßen wir also in einem Café zusammen, frühstückten, "Sind wir per Du? Oder lieber per Sie?" und ich hörte der Politikerin konzentriert zu.

Sie erzählte über die Leute in ihrem Team, ihre Visionen für die nächsten Monate und wen sie in anderen Parteien schätzt. Sie erzählte, wie körperlich anstrengend Touren durch die Bundesländer seien und wie sehr die Freundlichkeit vor Ort und die Häme in den Medien auseinanderfallen.

Sie erzählte über Intriganten und Experten und darüber, welche Zeitungsberichte man sich ein Leben lang merkt. Eine ältere Parteifreundin kam dann kurz an unseren Tisch und gab ein paar gute Ratschläge, etwa dass sie auf sich gut aufpassen müsse, man sei schnell körperlich ausgebrannt. Der Kellner lief extra um ein mürbes Kipferl zum Bäcker, weil sie es hier so gerne isst.

Und schließlich erläuterte sie mir, wieso Politiker bei Interviews nur noch in Floskeln und Phrasen sprechen: Jeder falsche Halbsatz werde einem um die Ohren gehauen. Die gereizte Welt der Social Media, aber vor allem auch die Kollegen vom Boulevard seien unbarmherzig, ein unreflektierter Satz könne ein Leben lang an einem kleben bleiben. Daher trainiere man sich wattierte Floskeln ein, "die Menschen in diesem Lande" und solchen Quatsch.

Hintergrundgespräche dienen natürlich dazu, Journalisten Nähe zu vermitteln, ihnen dadurch auch den Biss zu nehmen. Das ist mir nach 25 Dienstjahren mehr als bewusst. Und doch kam ich beim Abschied ins Grübeln: Warum sind Nachrufe auf Politikerinnen und Politiker stets von so hohem Respekt getragen, aber Alltagsberichte nicht?

Wieso schreiben wir bei Rücktritten, dass Politiker vieles richtig gemacht haben, aber sonst eher nicht?

Wieso finden wir im Gespräch mit Politikern so selten den richtigen Ton?

Wieso herrscht einerseits diese Distanzlosigkeit und dann wieder diese Verachtung?

Welcher Mensch hält dieses Wechselbad der Reaktionen des Publikums langfristig aus?

Wieso finden wir mit Politikerinnen und Politikern so selten in ein gelungenes öffentliches und offenes Gespräch?

Kann es sein, dass auch wir Medienleute oft nur Phrasen dreschen und dem Bezwingzwang unterliegen, anstatt uns in der Sache zu informieren?

Auf Twitter herrscht gerade eine Debatte über eine junge ÖVP-Funktionärin aus Niederösterreich, die ein ungeschicktes Video auf TikTok ins Netz gestellt hatte. Ein SPÖ-Sympathisant hatte sie leise verspottet, schon ergoss sich misogyner Hass über die junge Frau. Wegen eines dummen TikTok-Videos wird sie niedergemacht.

Vielleicht sollten wir – bei aller Awarness gegenüber Postenschacher, Korruption und Misswirtschaft – manchmal auch innehalten und daran denken, dass Politikerinnen und Politiker Menschen sind, die wir dafür wählen, dass sie unsere Interessen vertreten, vor allem auf Landesebene und in der Kommunalpolitik. Wenn wir sie nur noch mit Häme, Verachtung und Glatteisjournalismus bestrafen, werden nur noch jene in die Politik gehen, die keine Skrupel kennen.

Florian Klenk

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